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© iStockphoto/Nikada

AIRPORTS

Wie eine gigantische Baseballkappe aus Glas und Stahl ragt die Dachkonstruktion des neuen Südterminals in den blauen Himmel. Sonnenschein glitzert durchs Glasdach, Palmen spenden Schatten. Reisende flanieren zwischen 70 Shops und fast genauso vielen Restaurants, Cafés und Bars. So entspannt und locker, als wären sie nicht auf dem Weg in den Urlaub oder zurück nach Hause, sondern als wäre dies hier der Urlaub selbst.

Die 43 Millionen Passagiere, die innerhalb eines Jahres durch die Hallen des Orlando International Airport gehen, sie sollen auf den ersten Blick wissen, wo sie hier gelandet sind. In einer der größten und familienfreundlichsten Urlaubsregionen der Welt, in Florida. „The Orlando Experience“ nennt die Flughafenbehörde das neue Airport-Erlebnis, das bislang allerdings größtenteils nur in Computersimulationen zu bestaunen ist. 3,5 Milliarden Euro werden investiert, um den verkehrsreichen Urlauberflughafen rundum zu erneuern und um einen neuen Terminal zu erweitern. Das Projekt, an dem die HOCHTIEF-Tochter Turner mitwirkt, ist nur ein Beispiel für einen wahren Boom des Flughafenbaus.

Allein in den USA wurden im Jahr 2017 circa 12,7 Milliarden Dollar in Flughafenprojekte investiert, ein Anstieg um 24 Prozent innerhalb eines Jahres. Weltweit werden einem Global-Data-Report zufolge aktuell Flughafenprojekte mit einem Gesamtumfang von 737 Milliarden Dollar geplant oder umgesetzt. 2019 werden demzufolge mehr als 100 Milliarden Dollar in die Luftverkehrsinfrastruktur fließen. „Drei wesentliche Trends treiben die Investitionen in den Flughafenbau“, sagt Hermann Harth, Abteilungsleiter für Haustechnik und Planungskoordination bei HOCHTIEF: „Steigende Passagierzahlen, zunehmender Sicherheitsaufwand und eine wachsende Nachfrage nach Konsumangeboten.“ Das Flughafennetz in Europa und den USA ist dicht geknüpft, Neubauten wie in Berlin sind schon aus Mangel an geeigneten Freiflächen selten geworden. „Bei den meisten Airport-Projekten, die heute ausgeschrieben werden, handelt es sich um Kapazitätserweiterungen und Sanierungen. Die Flughäfen machen sich fit für die Zukunft“, sagt der 57-Jährige, der seit bald drei Jahrzehnten für HOCHTIEF arbeitet und zahlreiche Flughafenprojekte im Mittleren Osten, Russland und Griechenland begleitet hat.

KOMPLEXE KOMMUNIKATION

Ob Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen, Terminalerweiterungen oder Neubauten – Airport-Projekte werden heute in aller Regel auf rund um die Uhr geöffneten Flughäfen realisiert, bei laufendem Flugbetrieb. Es sind Operationen am schlagenden Herzen. Das macht es nicht leichter. Denn wie bei kaum einem anderen Bauvorhaben dürfen und müssen bei Flughäfen viele mitreden, erklärt Harth. Neben Bauherren, Betreibern, Planern und einer Vielzahl ausführender Unternehmen sind verschiedenste hoheitliche Belange zu berücksichtigen: Zoll, Polizei, Gesundheitsamt, Flugsicherung, Behörden, Feuerwehr und so weiter. „Kommunikation“, sagt Harth, „ist vielleicht die größte Herausforderung im Flughafenbau.“

Um zu verstehen, wie heikel das Bauen im Sicherheitsbereich eines Flughafens ist, braucht es keine milliardenschweren Luftfahrttempel wie in Orlando. Es reicht etwas vermeintlich Profanes wie eine neue Gepäckabfertigung. Wenn Bogdan Rybicki, Technischer Direktor von HOCHTIEF Polska, auf einer Party gefragt wird, ob er mit seinen Leuten geschäftlich viel außer Landes sei, kann er das mit Fug und Recht bejahen. Denn der Bauplatz, auf dem sein Team ein neues Gepäckzwischenlager einrichtet – eine sogenannte Early Baggage Storage für umgerechnet 24 Millionen Euro –, befindet sich rechtlich jenseits der Landesgrenze. „Um zum Arbeitsort zu gelangen, wird jeder Mitarbeiter, jedes Werkzeug, jedes Fertigungsteil zunächst kontrolliert und durchleuchtet“, sagt der 59-Jährige. Und das ist noch die kleinste Hürde bei diesem Projekt. Um den 365 Tage im Jahr laufenden Flughafenbetrieb nicht zu stören, bleiben den HOCHTIEF-Experten nur mitten in der Nacht Zeitfenster von vier bis sechs Stunden, in denen sie tatsächlich arbeiten können. Die neue Lagereinrichtung für bis zu 1350 Koffer und Taschen muss integriert werden in eine bestehende Gepäckabfertigung, die zwischen den kurzen nächtlichen Bauabschnitten immer wieder zu 100 Prozent fehlerfrei laufen muss. Als würde man einen neuen Tank in ein fahrendes Auto einbauen.

„Kenntnis und Abstimmung mit dem Umfeld sind hier absolut kritische Faktoren“, sagt Rybicki. Um das Projekt in dieser Konstellation überhaupt umsetzen zu können, erfolgt ein Großteil der Arbeiten lange vor dem Baubeginn vor Ort. „Zwölf Monate Planung und externe Fertigung der Bauteile, vier Monate Installation vor Ort, vier Monate Tests und Inbetriebnahme“, skizziert der Pole das Timing der Maßnahme, welche allerdings für Flughafenprojekte eher typisch ist.

KRITISCHE GEBÄUDETECHNIK

„Flughafenprojekte erfordern einen überdurchschnittlichen Aufwand an Planung und Koordination“, sagt Harth. Zu den Herausforderungen durch Sicherheitsauflagen und laufenden Flugbetrieb kommt die technische Komplexität. Ein Flughafenterminal ist nicht einfach ein Gebäude, sondern eher eine Hightech-Maschine mit einem Dach und Wänden.

Während beim Errichten eines normalen Bürogebäudes die Haustechnik in der Regel um 20 Prozent des Bauvolumens ausmacht, liegt deren Anteil bei einem Flughafen mit Terminal, Tower und Flugfeldtechnik locker doppelt so hoch, erklärt Harth. Gepäckabfertigung, Passagierbrücken, Automatiktüren, Security- und IT-Systeme – unendlich viel Technik muss verbaut werden. Und wenn nicht alles perfekt ineinandergreift, die Schnittstellen zwischen bestehenden Anlagen und Neuinstallationen nicht perfekt abgestimmt sind, dann kann schnell das gesamte System Flughafen kollabieren. So stürzte im Frühjahr 2008 eine hochmoderne, aber nicht fehlerfrei arbeitende Gepäckabfertigung den Großflughafen London-Heathrow tagelang ins Chaos. Zeitweise türmte sich ein Berg aus 28.000 herrenlosen Koffern auf, der finanzielle Schaden lag über 20 Millionen Euro. Ursache war angeblich eine Computerpanne. Moderne Flughäfen reagieren sensibel auf jede Störung. Denn alle Abläufe sind präzise abgestimmt. Die wachsenden Passagierströme sollen möglichst schnell und reibungslos durch die Einrichtung geleitet werden. Damit es sich für die Reisenden einfach anfühlt, wird hinter den Kulissen viel Aufwand betrieben, erklärt Jay Fraser, Vice President und General Manager der Aviation Group von Turner Construction. Die HOCHTIEF-Tochter zählt zu den drei größten Flughafenbauern der USA und ist derzeit an zehn der 20 US-Flughäfen mit dem größten Passagieraufkommen tätig. Dazu gehört Orlando, wo Turner kürzlich einen 1,3 Millionen Quadratmeter großen, intermodalen Terminal fertiggestellt hat. Unter dem Glasdach sollen die Züge von drei verschiedenen Bahnanbietern verkehren, ebenso wie Linienbusse, Taxen und Shuttles. Zum Auftrag gehört der Bau eines vollautomatischen Transportsystems (APM), das ein anderer Auftragnehmer realisiert. Statt endloser Fußwege und Fahrsteige durch gesichtslose Tunnel werden die Passagiere hier in nur vier Minuten in führerlosen Fahrzeugen bequem zwischen den Terminals hin und her chauffiert. Die Wege werden schneller, die Technik intelligenter. Trotzdem verbringen viele Reisende mehr Zeit am Flughafen, als ihnen lieb ist. Grund sind die gestiegenen Sicherheitsauflagen. Die längsten Schlangen bilden sich heute nicht vor den Abfertigungsschaltern, sondern bei der Security. „Aus Angst, wegen der Kontrollen einen Flug zu verpassen, kommen viele sehr viel früher zum Flughafen“, berichtet Fraser.

Der Experte zitiert Studien, wonach Reisende heute vor dem Abflug im Schnitt mehr als zwei Stunden am Flughafen verbringen. Viel Zeit zum Shoppen und Schlemmen. Dies sei ein wesentlicher Grund, warum Flughäfen ihre Post-Security-Bereiche zunehmend in Konsumtempel verwandeln. „Flughäfen im Mittleren Osten und Südostasien, die sich darauf fokussieren, belegen bei Flughafen-Rankings regelmäßig die ersten Plätze“, erklärt Fraser. Um dabei nicht austauschbar wie manche Shoppingmall zu werden, gehe der Trend dazu, vermehrt lokale Gastronomen und Einzelhändler an den Flughafen zu holen. Bestes Beispiel: die „Orlando Experience“.