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© MICHAEL HANISCH

ARBEIT AM DENKMAL

Beim Umbau des früheren DDR-Innenministeriums zum zukünftigen Bundesministerium für Gesundheit ist die Geschichte des Ortes auf Schritt und Tritt spürbar. Eine echte Herausforderung für die aus HOCHTIEF und BAM bestehende Arbeitsgemeinschaft. Aber der denkmalgeschützte Komplex offenbart auch viele spannende Geheimnisse.

Die schallisolierte, mit dunklem Holz getäfelte Telefonzelle in der Nähe des ehemaligen Besprechungszimmers des DDR-Innenministers atmet immer noch den Geist des vorigen Jahrhunderts. Und lädt zu Spekulationen ein. Welche wichtigen Dinge mögen in der Kammer besprochen worden sein? Am Morgen des 9. Novembers 1989 kamen hier, im Innenministerium der DDR, vier hochrangige Offiziere mit dem Auftrag zusammen, eine neue Ausreiseregelung auszuarbeiten. Einer von ihnen schmuggelte einen Satz in den Text, der am Abend dazu führte, dass die circa hundert Meter entfernte Mauer fiel. „Mehr Geschichte geht nicht“, sagt Mayk Zieschang, der selbst in der DDR groß geworden ist. Seit Juli 2017 ist der 53-Jährige Projektleiter der Großbaustelle Mauerstraße in Berlin-Mitte. Seine Aufgabe: Umbau und Sanierung des ehemaligen DDR-Innenministeriums zum künftigen Bundesministerium für Gesundheit.

Doch „mehr Geschichte“ geht durchaus, denn nicht nur vier Jahrzehnte Sozialismus haben sich in den Hallen, Gängen und Räumen manifestiert. Der Komplex, der sich über insgesamt zwei riesige Gebäude in Berlin-Mitte erstreckt, entwickelte sich bereits ab 1870, als an dieser Stelle die Deutsche Bank aus der Taufe gehoben wurde. Die erste deutsche Großbank wuchs so schnell, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit das gesamte Straßenkreuz Mauerstraße und Französische Straße einverleibte und zu einer riesigen Unternehmenszentrale mit damals 6.000 Angestellten formte. Das boomende Bankgeschäft spiegelte sich in der Pracht der Innenräume. Die gewaltige Schalterhalle erstreckte sich unter zwei lang gestreckten Tonnendächern mit einer Kuppel im Zentrum. Dort oben ließen riesige Glasdächer viel Tageslicht auf die Bankgeschäfte der Gründerzeit fallen. An kunstvoll verzierten Holzschaltern füllte man Schecks aus. Bankmitarbeiter geleiteten Kunden zu den Tresoren in den Bauch der Schalterhalle. Das prächtige Glas überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. 1945 zog die Deutsche Bank nach Frankfurt am Main, und ab 1949 übernahm das Innenministerium der gerade gegründeten DDR das Objekt. Der junge Bauhaus-Architekt Franz Ehrlich, während des Kriegs als Kommunist im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, übernahm die Beseitigung der Kriegsschäden und den Umbau im Geist der Zeit. Er ließ viel Ornament abklopfen. Die Gebäude bekamen gerade Linien und Formen. In die alte Schalterhalle zog er eine gerade Decke ein, der nun dunkle Raum wurde zum Kinosaal mit 600 Plätzen umfunktioniert. Hier schulte man Polizisten in Staatskunde, zeigte sozialistische Propagandafilme oder hielt Versammlungen ab. „Als wir Mitte 2017 mit dem Projekt begannen“, erinnert sich Zieschang, „sah es hier noch genauso aus, wie man den Ort am Ende der DDR verlassen hatte.“ Tatsächlich stößt man in den labyrinthischen, insgesamt 68 000 Quadratmeter umfassenden Gebäuden immer noch auf ausgemusterte Telefonanlagen oder achtlos hingeworfene Aktenordner. Doch nun werden die Gebäude fit für die Zukunft gemacht.  

Bis Mitte 2021 sollen 600 Mitarbeiter des Bundesgesundheitsministeriums ein Bürogebäude nach modernstem Standard vorfinden. Zuvor muss kernsaniert werden, ohne dass die Zeugnisse zweier bedeutender Nutzungsphasen verloren gehen.

» MEHR GESCHICHTE GEHT NICHT! «

MAYK ZIESCHANG, PROJEKTLEITER

30 JAHRE OHNE NUTZUNG

Die Probleme fangen bereits ganz unten an. Weil der Grundwasserspiegel gestiegen ist, werden die Häuser mit „weißen Wannen“ gegen Feuchtigkeit abgedichtet. Auch die Keller müssen vertieft werden, um moderne Haustechnik aufzunehmen. Mit jedem Detail, auf das Mayk Zieschang beim Rundgang hinweist, versteht man besser, warum sich drei Jahrzehnte lang niemand an dieses Bauprojekt herantraute – es ist einfach wahnsinnig anspruchsvoll. Doch HOCHTIEF verfügt über die notwendige Erfahrung, gerade in Berlin. Die Umgestaltung des denkmalgeschützten ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR etwa, seit 2006 eine Manager-Akademie. Dafür mussten Porzellankacheln einzeln entfernt, nummeriert und wieder an Ort und Stelle platziert werden. Auch die historischen großen Glasfenster – sie zeigen Szenen der deutschen Arbeiterbewegung – wurden gesichert und wiederverwendet. Während des Umbaus gab es zudem eine riesige Überraschung. HOCHTIEF-Mitarbeiter entdeckten einen mit roter Velourstapete ausgestatteten Kellerbunker, aus dem ein 30 Meter langer Fluchttunnel in den Garten des Staatsratsgebäudes führte. Für die Notbelüftung des bis dahin unbekannten Raumes waren zwei alte Fahrräder installiert. 

Ein weiteres HOCHTIEF-Projekt in Berlin-Mitte, das 2006 abgeschlossen wurde, war der Umbau der ehemaligen Dresdner-Bank-Hauptverwaltung zum Hotel de Rome. Aus diesem Geldhaus der Gründerzeit wurde dadurch eines der besten Hotels der Welt. Inklusive der kreativen Idee, den Spabereich in die ehemaligen Tresorräume hineinzubauen. Trotz der anerkannt gesundheitsfördernden Wirkung des Saunierens ist dies kein Vorbild für die nun neu zu gestaltende Tresoranlage des künftigen Gesundheitsministeriums. Unter der ehemaligen Schalterhalle finden sich zwei Tresoretagen, die durch Glasbausteine getrennt sind. „Unfassbar modern“, zeigt sich Projektleiter Zieschang von der fast anderthalb Jahrhunderte alten Architektur beeindruckt. Dennoch ist die Nutzung dieser Räume bislang eine ungelöste Denksportaufgabe. Konkreter ist hingegen die Idee für die einst prunkvolle Kassenhalle darüber. Sie wird zum Foyer eines Konferenzzentrums und bekommt wieder ihr altes Glasdach. Die Wände des DDR-Kinosaals werden entfernt, nur die Pfeiler bleiben stehen. Glaswände von bis zu zwölf Meter Höhe sollen das weite Raumgefühl der Kassenhalle wiederaufleben lassen. Auch Zeitdenkmäler der DDR wie der denkmalgeschützte „Ehrlich-Saal“, in dem DDR-Innenminister Bankette gaben, werden auf kreative Weise in die neue Nutzung eingebunden. Viele Elemente der vom Bauhaus inspirierten Architektur bleiben erhalten. Nach seiner Sanierung betreiben HOCHTIEF und das Bauunternehmen BAM Deutschland das denkmalgeschützte Gebäudeensemble 25 Jahre lang in einer öffentlich-privaten Partnerschaft (ÖPP). Auftraggeber ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Man ahnt jetzt schon, dass die Liebe zum historischen Detail und das ausgeprägte Geschichtsbewusstsein, das alle Mitarbeiter auf dieser Baustelle verbindet, sich am Ende lohnen werden.