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An der einst schmuddeligen Westseite Manhattans standen früher so viele Schlachtbetriebe, dass sie sich für den Transport ihres Fleischs eine eigene Hochbahn, die sogenannte High Line, bauen mussten. Seit diese zu einem öffentlichen Park umgebaut worden ist, drängen sich hier eng an eng mehr als fünf Millionen Touristen pro Jahr. Die High Line ist heute ein 2,3 Kilometer langes grünes Band zwischen den Häuserschluchten New Yorks – und ihr nördliches Ende an der 34. Straße wird demnächst in luftige Höhen verlängert. Denn das Hochhaus „The Spiral“, das Turner Construction derzeit dort errichtet, nimmt dieses Band auf und führt es in einer langen Schleife bis zur Spitze des über 300 Meter hohen Wolkenkratzers. Entlang der grünen Spirale werden zwar High-Line-Touristen keinen Zugang haben, aber die Mieter dieses Gebäudes erhalten hängende Gärten, begrünte Terrassen und lichtdurchflutete Atrien auf jedem der 65 Stockwerke. „Wir bringen die High Line in die Skyline“, verspricht der dänische Stararchitekt Bjarke Ingels, dessen Büro das Konzept entworfen hat.

MARKANTE VERÄNDERUNGEN

Grüne Oasen an glitzernden Hochhausfassade – an dieses Bild hat sich die architekturinteressierte Öffentlichkeit längst gewöhnt, seit in Mailand die mit 900 Bäumen bepflanzten Zwillingswohntürme „Bosco Verticale“ für Furore sorgten. Eine Flut solcher Entwürfe geistert durch die Wettbewerbe. Sind das jetzt grüne Zeitgeist-Ornamente oder Zeichen für einen echten Fortschritt? Julia Gisewite, Sustainability Director bei Turner Construction, sieht eher Letzteres. „Stadtplaner und politische Entscheider verfolgen zunehmend einen ganzheitlichen Ansatz, um unsere Städte grüner zu machen“, hat die Nachhaltigkeitsexpertin festgestellt. „Sie folgen den Zusammenhängen zwischen Gebäuden, Versorgungs- und Verkehrsinfrastruktur, lokalen Ökosystemen und Geografie sowie sozialen Systemen, um nachhaltige Strategien zu entwickeln, die auf die gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse ihrer Städte zugeschnitten sind.“ Interkommunale Organisationen wie C40, 100 Resilient Cities und das amerikanische 2030 Districts Network werden zu Promotern für grünere Stadtkonzepte. Und tatsächlich vollziehen sich in vielen Metropolen markante Veränderung. In London mehren sich vertikale Gärten an Hauswänden. In Moskau werden den Hauptverkehrsstraßen zu Parks (siehe Interview). In Paris sollen die bislang nackten Schulhöfe zu grünen Räumen umgebaut werden, um Schülern und Anwohnern etwas Schatten und ein kühleres Mikroklima zu schenken. China plant unterdessen „Schwammstädte“. Diese nehmen das Regenwasser wie Schwämme auf und geben es zeitverzögert wieder ab. Das mindert die Risiken der durch den Klimawandel forcierten Starkregenereignisse. Gleichzeitig kann das zwischengespeicherte Wasser im Sommer zur Bewässerung verwendet werden. Die Verdunstung von im Boden gespeichertem Wasser hat zudem eine kühlende Wirkung.


» STADTPLANER UND POLITISCHE ENTSCHEIDER VERFOLGEN ZUNEHMEND EINEN GANZHEITLICHEN ANSATZ. «

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MENSCH STEHT IM MITTELPUNKT

Zwar bedecken Städte gerade einmal zwei Prozent der Landmasse, aber ihr Einfluss auf Klima und Ökologie ist enorm. Zwei Drittel der Energie werden hier konsumiert, 70 Prozent aller CO2-Emissionen verursacht. Der Kampf gegen die Erderwärmung, das Einhalten der Klimaziele von Paris, die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks, all dies wird ganz wesentlich in den urbanen Räumen entschieden. Und bis zum Jahr 2050 soll die Zahl der Stadtbewohner von heute 4,2 auf dann 6,7 Milliarden steigen. Für zwei Drittel der Weltbevölkerung wird die Stadt dann das natürliche Habitat sein, der alltägliche Lebensraum mit all seinen Vor- und Nachteilen. Viele Vordenker, Planer und Architekten bemühen sich deshalb, Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit mit solchen der Lebensqualität zu verknüpfen. Zu spüren ist dies bereits an Ratingsystemen wie dem der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), das sich nicht mehr nur um das reine Gebäude, sondern auch vermehrt um die Vernetzung mit der Umgebung und die Gestaltung der Außenbereiche kümmert. Statt rein technischer Standards tritt der Mensch in den Mittelpunkt. „Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen sind zum Kernstück neuer Bewertungssysteme und –standards geworden, die schnell an Bedeutung gewinnen“,sagt Julia Gisewite. Damit meint sie unter anderem den noch jungen Standard WELL. „Während LEED, BREEAM und andere Nachhaltigkeitszertifikate die Planer und Bauherren dazu bringen, sich auf Energieverbrauch und Umweltauswirkungen zu konzentrieren, um nachhaltige Gebäude zu schaffen, konzentriert sich WELL auf den Nutzer“, erläutert Joseph Marfi, WELL-Spezialist bei Turner. Die Entwickler des Systems brachten Medizinexperten und Architekten zusammen, um Wege zu erkunden, die gebaute Umwelt zu verbessern und Gebäude zu schaffen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bewohner fördern. „Das Anliegen von WELL ist: Wie planen und bauen wir Gebäude, um Umgebungen zu schaffen, in denen die Menschen gesünder, glücklicher, kreativer und produktiver sein können?“, fasst Marfi den Ansatz zusammen.


» WIE PLANEN UND BAUEN WIR GEBÄUDE, IN DENEN MENSCHEN GESÜNDER, GLÜCKLICHER, KREATIVER UND PRODUKTIVER SEIN KÖNNEN? «

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NEUE HERAUSFORDERUNGEN

Städte sehen sich heute ungeheuren Aufgaben gegenüber, von den Folgen des Klimawandels über die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs bis hin zu den neuen individuellen Ansprüchen an die Lebensqualität. Dies überträgt sich auch auf die Bauindustrie, die die technischen Lösungen für die Veränderungen liefern muss. Zum Beispiel beim Bau nachhaltiger Gebäude. „In der Vergangenheit hat sich der Markt für Green Buildings alle drei Jahre ungefähr verdoppelt, und dieses Wachstum zeigt keine Anzeichen, sich zu verlangsamen“, sagt Julia Gisewite. Als unbestrittene Nummer eins im Green-Building-Markt in den USA hat Turner festgestellt, dass sich die Maßstäbe noch einmal verschoben haben. „Wir sehen immer mehr Verträge, die an das Erreichen des Energieeffizienzzieles ‚null‘ gebunden sind, also null Energie, null Abfall, null CO2 und so weiter“, sagt Gisewite. Ein Beispiel ist das neue Gebäude für eine Reihe staatlicher Behörden in Kalifornien, darunter die Abteilungen für Umwelt-, Wasser-, Forst- und Feuerschutz. Der 20-stöckige Büroturm ist so konzipiert, dass er dem Null-Energie-Standard entspricht und eine LEED-Platin-Zertifizierung anstrebt. Dieses Gebäude, das im Sommer 2021 bezogen werden soll, wird mindestens 50 Prozent weniger Wasser verbrauchen als ein typisches Gebäude seiner Größe und Funktion.

Wie „The Spiral“ im Vergleich zu anderen Wolkenkratzern abschneidet, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Immerhin strebt der Bauherr auch hier eine LEED-Zertifizierung an. Das Hochhaus punktet vor allem mit seiner offenen Architektur und seiner Lage. Denn mitten in den sogenannten Hudson Yards, der derzeit größten Baustelle Manhattans, entstehen nicht nur zahlreiche Büro- und Apartmenttürme, sondern auch 2,2 Quadratkilometer umfassende Parkanlagen. Fast 800 Millionen Dollar soll die Stadt für diese – in Maßstäben der dicht bebauten Metropole geradezu gigantisch großen – Grünbereiche eingeplant haben. Für die künftigen Nutzer des exklusiven Bürogebäudes wird das zu einem ganz neuen New-York-Gefühl führen, sowohl durch die luftigen Terrassen der grünen Spirale als auch durch die in die Zukunft der Stadt weisende Gestaltung der Umgebung.

Zum Interview mit Andreas Kipar