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© Dominik Asbach

„WIR MÜSSEN MENSCH UND NATUR WIEDER VERBINDEN.“

INTERVIEW MIT ANDREAS KIPAR

Der Landschaftsarchitekt Andreas Kipar, in Gelsenkirchen aufgewachsen, ist durch den Umbau der grauen Industriemetropole Mailand zu einer von Parks durchzogenen grünen Vorzeigestadt bekannt geworden. Mit seinem Mailänder Büro LAND plant er heute Projekte in Europa, Asien und dem Nahen Osten.

concepts Herr Kipar, was sieht Ihr professioneller Blick beim Gang durch eine typische europäische Stadt?

Andreas Kipar Ich empfinde da beim Grün immer noch eine große Kargheit. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren nicht unbedingt revolutionär in die Innenstädte eingegriffen. Wir sind eher dabei, sie glatt zu bügeln. Das muss pflegeleicht und sauber sein, das muss vor Vandalismus geschützt sein, da dürfen nicht zu viel Bänke sein, sonst kommen die Obdachlosen, all diese Bedenken sind immer noch prägend.

concepts Wie sollte es Ihrer Meinung nach stattdessen sein?

Kipar Wenn wir in Zukunft eine kulturell offene Gesellschaft haben wollen, dann müssen wir die Menschen in den Städten auch so leben lassen, dass sie sich frei entwickeln können. Und dazu gehört ein gesunder Bezug zur Natur.

concepts Das geht auch in der Stadt?

Kipar Wir haben bereits Flussparks weiterentwickelt, haben Industrieparks geschaffen, aber in den Innenstädten waren wir zu vorsichtig. Wir brauchen mehr Grünräume und grünere Plätze. Schon aus Gründen des Klimas in der Stadt. Die Menschen brauchen Schatten, aber auch einen Naturbezug. Wir müssen Bereiche schaffen, die das Wasser im Notfall aufnehmen. In anderen Ländern haben wir bereits die Regengärten, die füllen sich bei Niederschlag mit Wasser und spielen dann mit dieser Ästhetik. Wir stellen heute Bienenkörbe auf die Dächer. Der Koch der Deutschen Bank in Frankfurt hat auf dem von uns gestalteten Dachgarten einen Kräutergarten angelegt, den er für seine Gerichte nutzt.

concepts Sind das nicht eher Einzelfälle? Und ist eine Stadt nicht auch ein Raum, der andere Funktionen hat, zum Beispiel als Einkaufszentrum?

Kipar Wie schön wäre es, wenn wir in der Stadt nicht auf Betonsteinplatten laufen müssten? Wir müssen in den Städten den Mut haben, große Bereiche zu entsiegeln. Ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet: Essen ist ja „Grüne Hauptstadt Europas“. Wir haben es hier geschafft, 250 000 Menschen einen direkten Bezug zu Wasser und zu Grün zu geben. Und dennoch ist die Innenstadt komplett gepflastert. Diese Betonplatten rauszunehmen und stattdessen dort Dauergrün zu pflanzen, das müsste die nächste Offensive sein.

concepts Gibt es da schon ein Umdenken bei den Planern und Architekten? 

Kipar Selbst in Moskau, bislang eine Stadt mit geradezu menschenverachtenden Strukturen, entstehen plötzlich doppelt so große Bürgersteige, werden Tausende neue Bäume gepflanzt. Man flaniert jetzt dort, wo vorher Autos in acht Spuren gefahren sind, und die Autos sind weg. Das sind Zeichen einer Veränderung. Für das neue internationale Finanzzentrum in Moskau, jetzt Smart City Moscow genannt, konnten wir uns vor fünf Jahren schon mit einem sehr innovativen Konzept gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen.

concepts Was genau zeichnete dieses Konzept aus?

Kipar Wir haben gesagt: „Landscape first“, lassen Sie uns mit der Landschaft anfangen, lassen Sie uns Placemaking nicht über Architektur, sondern über die Landschaft machen. Jeglicher Investor wird sagen, was bringt mir das? Wenn wir jetzt einen Baum pflanzen und danach Häuser bauen, dann kann der Baum schon während der Bauphase wachsen. Und dann steigt der Wert der Immobilien. Pro Quadratmeter Nutzfläche werden wir vielleicht 20 Cent investieren, der Marktwert der Wohnungen pro Quadratmeter wird dadurch aber um 500 bis 900 Euro in die Höhe geschraubt, weil die Käufer sagen, okay, hier sehe ich schon alles, ich ziehe in keine Sandwüste.

concepts Wo sehen Sie Ihre wichtigste Aufgabe in Zukunft?

Kipar Was der Papst, zusammen mit Wissenschaftlern, in der Enzyklika „Laudato si“ formuliert: „Pflegt den Planeten!“ Oder um es mit dem Soziologen Jeremy Rifkin zu sagen: „Stop the war on nature!“ Was wir als Landschaftsarchitekten machen, ist „Reconnecting people with nature“, das heißt, wir müssen Mensch und Natur wieder verbinden und neu verstehen, wie wir mit den kostbaren Ressourcen Wasser und Boden umgehen müssen.

concepts Wie stehen die Chancen dafür?

Kipar Da passiert gerade eine kleine Revolution, hin zu einem sich wandelnden Stadtbild. Der Aufbruch in ein neues Jahrhundert braucht immer Zeit, aber wenn der Wandel kommt, dann ganz schnell. Denken Sie nur an das Bauhaus vor 100 Jahren.