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01 | 2020
9/12

Altes bewahren, Neues aufbauen

Seitdem die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland vor 30 Jahren ­gefallen ist, hat HOCHTIEF in Berlin und in den neuen Bundesländern viel für die Vereinigung der einst getrennten Staaten gebaut. Auch innerhalb des Unternehmens sind Ost und West zusammengewachsen.

Wer Mitte der 1990er-Jahre das Zentrum Berlins besucht hat, erinnert sich vielleicht an die Skyline aus Kranen, die damals den Himmel beherrschte. Insbesondere dort, wo zuvor mitten in der Stadt brach liegen des Grenzland gewesen war. Am Potsdamer Platz entstand eines der spannendsten Architekturprojekte der Welt. Und ein Symbol für die neue Offenheit und Dynamik der Stadt. Im Zentrum der Metropolen-Wiedergeburt standen die sieben Gebäude des Sony Centers, die HOCHTIEF zwischen 1996 und 2000 errichtete.

Es war die Zeit der fiebrig sich aneinanderreihenden Daten. Am 9. November 1989 die Öffnung der Mauer durch die DDR-Regierung nach einer friedlichen Revolution des Volkes. Dann im März 1990 die ersten freien Volkskammerwahlen, denen im Mai der Staatsvertrag über eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion folgte. Kein halbes Jahr später: die deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Dass die Hauptstadt auch Sitz des Deutschen Bundestags werden sollte, beschloss das Parlament in Bonn am 20. Juni des darauffolgenden Jahres.

Nicht nur für Politik und Mensch legte jene Zeit ein geradezu atemberaubendes Tempo vor. Auch die Bauwirtschaft musste den Turbo einschalten und dem Versprechen deutscher Einheit ein Fundament gießen. Die Zeit der Wende war nicht nur, aber auch eine gigantische infrastrukturelle Aufgabe. Zwei deutsche Staaten, eben noch durch Mauer und Todesstreifen getrennt, sollten quasi über Nacht wieder eins werden. Doch damit Menschen bequem hin und her reisen, Wirtschaftsräume zusammenwachsen und bauliche Wunden der Trennung überwunden werden, braucht man – neben Bewegung in den Köpfen – auch Straßen, Brücken, Tunnel, Eisenbahnlinien und Hochbauprojekte. HOCHTIEF begann schnell, den notwendigen Wandel mitzugestalten.

„AUFBAU OST“

Berlin und Thüringen sind bis heute zwei Zentren der HOCHTIEF-Aktivitäten, die in den Nachwendejahren entstanden sind. Von Anfang an arbeiteten Menschen aus Ost und West dort partnerschaftlich zusammen. 1990 kaufte HOCHTIEF die Alex Bau GmbH, die aus einem DDR-Betrieb mit 1.000 Mitarbeitern hervorgegangen war. In Thüringen erwarb HOCHTIEF 1991 die Talsperrenbau Weimar GmbH, die 1993 in HOCHTIEF umbenannt wurde und ihren Sitz von Weimar nach Erfurt verlegte.

Seitdem wurden Projekte verwirklicht, die im wörtlichen wie im übertragenen Sinn Brücken zwischen Ost und West bauten. Mit der Saale-Elster-Talbrücke (2013) entstand über sechseinhalb Kilometer das längste Brückenbauwerk Deutschlands und die längste Fernbrücke Europas. Sie ist ein wichtiges Element der ICE-Schnelltrasse von Berlin nach München.

Im Straßenverkehr baute HOCHTIEF wichtige Abschnitte der Ost-West-Achse A 4 – wie 2010 die Umfahrung der Hörselberge bei Eisenach –, im Flugverkehr den neuen Terminal B des Flughafens Halle-Leipzig. In Eisenach errichtete das Unternehmen Teile des neuen Opel-Werks. Messe und Kongresszentren entstanden unter anderem in Berlin, Dresden, Erfurt und Weimar.

BAUERBE BEWAHREN

Doch HOCHTIEF hat nicht nur neu gebaut, sondern auch Altes bewahrt. Weimar, kulturelle Hauptstadt der deutschen Klassik, ist dafür ein gutes Beispiel. Die Wahlheimat Goethes und Schillers war in den 1990ern auch ein Zentrum kreativer HOCHTIEF-Arbeiten. Mehrere preisgekrönte Projekte realisierte der Konzern in der thüringischen Stadt. Dem historischen Bahnhof verhalf man 1999 zu neuem Glanz. Spektakulär geriet der Neubau der ursprünglich zum 100. Todestag Goethes errichteten Weimarhalle. Seit 1999, als Weimar „Kulturstadt Europas“ wurde, steht die in Rekordzeit erbaute, mit dem Honor Award 2001 des United States Institute for Theatre Technology ausgezeichnete Neue Weimarhalle. Der Entwurf der Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner gilt als das vielleicht schönste Kongresszentrum Deutschlands.

Nicht nur in Thüringen, sondern auch in der alten Messestadt Leipzig bestand die Aufgabe darin, zentrale Gebäude zu bewahren und einem modernen Konzept zuzuführen. So wurde aus dem ältesten Messehaus der Sachsen-Metropole ein neues Kaufhaus. Einst war das auf die Tuchhändlergilde zurückgehende, weltberühmte Gewandhausorchester in diesen Mauern beheimatet. Künstler wie Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszt haben hier Konzerte gegeben.

Auch Kaufhäuser weisen mitunter eine eigene, schützenswerte Historie auf. So sollte das innerstädtische Einkaufszentrum Anger 1 in Erfurt bei seinem Umbau durch HOCHTIEF (1998–2000) einerseits an die 1908 vom Jugendstil geprägte Architektur des historischen Kaufhauses „Römischer Kaiser“, aber auch an seine spätere Geschichte als eines der größten Warenhäuser der DDR in den 1950er-Jahren erinnern.

HAUPTSTADT BERLIN

Die meisten Beispiele für die sensible Umgestaltung denkmalgeschützter Gebäude finden sich jedoch in Berlin und Umgebung. Der Umbau des Stadtpalais Potsdam ist ein leuchtendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, und aktuell – 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – dauern solche Projekte an.

In Berlin baut HOCHTIEF derzeit das ehemalige Gründungsgebäude der Deutschen Bank und spätere DDR-Innenministerium für zwei Bundesministerien um. Für das neue Humboldtforum hat das Unternehmen das Kerngebäude errichtet.

Das Engagement von HOCHTIEF in den neuen Bundesländern ist dabei längst nicht mehr nur an regionale Projekte gebunden. Die Erfurter Niederlassung ist durch ihre Erfahrung bei der erfolgreichen Umsetzung vieler Projekte Ansprechpartner für die öffentlich-privaten Partnerschaften im Konzern geworden. Sie bestimmt damit ein wichtiges Thema für die Zukunft von HOCHTIEF. Auch das ist eine unternehmerische Erfolgsstory aus dem Osten Deutschlands, an die es 30 Jahre nach der Wende zu erinnern gilt.


HOCHTIEF-Projekte nach dem Mauerfall