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01 | 2020
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© Mark Syke-VIEW/Alamy Stock Photo

Meisterstücke Down Under

BIM-Spezialisten der HOCHTIEF-Tochter ViCon haben beim Bau von Australiens erstem führerlosen Zugsystem im Nordwesten von Sydney das Daten­managementsystem ORIS erfolgreich eingesetzt. Die Erfahrungen im digitalen Bauen in Australien werden bald auch in anderen Ländern genutzt.

Es gab eine Zeit, René Schumann kann sich noch bestens an sie erinnern, da entstanden selbst moderne Bauvorhaben zunächst auf Papier. Tischplattengroße Konstruktionspläne gingen sorgsam gefaltet von Hand zu Hand. Material- oder Personalbedarf wurde händisch auf Zetteln notiert. Und wer sie später suchte, stand oft vor einer Wand aus Aktenordnern.

Natürlich sind seit Langem leistungsstarke Computer im Einsatz, die das Bauen erleichtert haben. Doch wenn der Polier nach Schichtende mit dem Kuli am Bautagebuch feilte, zog sich der analoge Papierkram – digitales Zeitalter hin oder her – schnell bis in den Feierabend hin und war tags drauf auch noch schwer zu entziffern.

René Schumann muss lächeln, wenn er an diese ziemlich gegenwärtige Vergangenheit denkt. Schließlich arbeitet der Geschäftsführer von HOCHTIEF ViCon an einer Zukunft, in der der Kuli nicht mehr gebraucht wird. Seit 2007 ist die HOCHTIEF-Tochter voll auf das Wachstumsfeld des digitalen Hoch- und Tiefbaus ausgerichtet.

„Build digitally first“, lautet das ViCon-Motto, mit dem bislang gut 500 Objekte verschiedener Art und Größe am Rechner vorgefertigt wurden. Aber der im April 2015 gestartete Bau des vollautomatischen Metronetzes in Sydney, das im Mai 2019 eröffnet wurde, war eine Klasse für sich. Die australische HOCHTIEF-Tochter CIMIC war mit ihrer Gesellschaft CPB Contractors an dem Konsortium Northwest Rapid Transit (NRT) beteiligt. Deshalb bot es sich an, das konzerneigene Know-how aus Essen zu importieren. So brachte ViCon für das insgesamt 36 Kilometer lange Sydney-Metro- Northwest-Projekt sein selbst entwickeltes Online Rail Information System (ORIS) zur Anwendung. Und das, schwärmt Schumann in der Essener Konzernzentrale, „war 2015 eine echte Revolution in Australien“.

NEUES SYSTEM IM EINSATZ

ORIS ist ein System für die Informationserfassung und -auswertung auf Großbaustellen. Mitarbeiter an verschiedenen Abschnitten der Baustelle geben ins Tablet oder Smartphone Daten ein, die über ORIS zusammengeführt werden. Technologisches Neuland im weiten Feld des Building Information Modeling (BIM).

Die BIM-Methodik basiert auf einem digitalen 3-D-Modell, welches viele Daten eines Projekts vernetzt abbildet. Das Sammeln der Daten, die mit dem 3-D-Modell verknüpft werden, erfolgt verteilt über die ORIS-Plattform, und es werden möglichst viele Mitarbeiter auf der Baustelle eingebunden.

So werden die Daten dort digital erfasst und genutzt, wo sie entstehen oder gebraucht werden. Das schafft große Vorteile in der weiteren Projektbearbeitung, insbesondere bei der Materialbestellung, der Fortschrittskontrolle und der Baustellensicherheit.

In Sydney rüstete HOCHTIEF ViCon jede der 14 parallel betriebenen Großbaustellen mit insgesamt 210 Tablets aus. Mehr als 1.000 eigens geschulte Mitarbeiter sammelten damit die Daten, oft auch unter Tage. Dank einer Field2BIM-App ließ sich selbst bei widrigen Bedingungen jeder Baufortschritt offline gut verfolgen und mit der nächsten Onlineverbindung aktualisieren. Bauarbeiter als Datensammler – was im ersten Moment seltsam synthetisch klingt, sorgt dafür, dass die Aufgaben effizienter, schneller, besser, am Ende also auch für alle entspannter erledigt werden.


ALLE DATEN WERDEN ZUSAMMENGEFÜHRT

Schaltstelle im Netzwerk des digitalen Bauprozesses ist der BIM-Manager. Er verknüpft die Fäden aller Gewerke zu einem Seil, das im fehleranfälligen Prozess langwieriger Großbaustellen mit Tausenden von Schnittstellen verschiedener Firmen nahezu reißfest ist. Ohne ihn bliebe der „digitale Zwilling“ des künftigen Bauwerks bloß Computersprache.

Robert Kawczyk ist BIM-Manager in Sydney. Mehr als fünf Jahre lang hat er in enger Abstimmung zwischen Essen und Australien das Projektteam begleitet. Am Computermodell eines der neun völlig neuen Bahnhöfe erklärt er, wie Sydney dank BIM zum State of the Art moderner Infrastruktur werden konnte. Vom blau markierten Gleisbett wandert sein Cursor über grüne Dachkonstruktionen zu einer roten Wand, „an der man mit einem Klick erkennt, welche Betonfertigteile zu welchem Zeitpunkt benötigt werden und wie deren Fertigungsstatus ist“. Wenn Robert Kawczyk das Tool vorführt, ist in jedem Wort die Begeisterung zu spüren. Denn das Beste: Alle Beteiligten im System haben jederzeit Zugriff auf die Daten, sofern sie für ihren Arbeitsbereich von Nutzen sind.

Beim Datenvolumen von mehr als 1,2 Terabyte ging es eben nicht nur darum, analoge Prozesse aus Prinzip zu digitalisieren oder „das Papier im Blaumann“ gar generell abzuschaffen, wie René Schumann nach 20 Jahren Erfahrung bei HOCHTIEF betont. Ziel sei vielmehr, „die Datenverarbeitung und die Datenanalyse deutlich zu beschleunigen und heutige Datensilos miteinander automatisiert zu vernetzen“.

In Sydney sorgte die BIM-Methode somit nicht nur dafür, dass die 7,5 Millionen Bewohner in New South Wales, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat des Kontinents, zum geplanten Eröffnungstermin Australiens modernstes Infrastrukturprojekt nutzten; es hat weit über den Faktor Zeit hinaus auch Geld, Material und Ressourcen gespart.


TECHNIK SPART BAUKOSTEN

Wie viel genau, muss noch evaluiert werden. Es bleibt laut Schumann „immer ein Stück weit Spekulation, denn ein Projekt kann man nicht zweimal machen“. Das Düsseldorfer Marktforschungsinstitut BauInfoConsult ermittelte, dass fehlerbedingte Kosten durchschnittlich mehr als zehn Prozent der gesamten Investitionssumme ausmachen. Schon zur Halbzeit vor drei Jahren hatte eine Kosten-Nutzen-Analyse ergeben, dass die drei-, vier-, gar fünfdimensionale Handhabung gut 121.000 Papierformulare erübrigt hat – und damit Kosten für den Verwaltungsaufwand eingespart hat.

Anders als starre Faltpläne ist das integrierte System flexibel, leicht verständlich und durch permanente Fehleranalyse auch vorausschauend. Dass es auf Unvorhersehbarkeiten vom Materialmangel über Wetterkapriolen bis hin zur Bodenbeschaffenheit irgendwann eigenständig reagiert, bezeichnet Schumann indes als Zukunftsmusik. Im Baugewerbe ist BIM zunächst eine Methode, die den Menschen vor Ort assistiert. Doch BIM verbessert mit der Kommunikation auch nachhaltig die Zusammenarbeit am Bau. Die Erfahrungen aus Australien werden in anderen Ländern von großem Nutzen sein. Etwa in Deutschland, wo HOCHTIEF ViCon im nationalen BIM-Kompetenzzentrum des Bundesverkehrsministeriums an der Digitalisierung von Infrastrukturprojekten mitarbeitet.

René Schumann glaubt zudem, „dass BIM bald im ganzen Unternehmen Standard wird“. Bei einem Global Player mit 50.000 Mitarbeitern, fügt er hinzu, brauchten große Veränderungen zwar Zeit. Trotzdem werde sich das digitale Datenmanagement durchsetzen und Papierkram noch überflüssiger machen als ohnehin. „Die schönen DIN-A0-Pläne aus Papier“, beruhigt er haptisch veranlagte Architekten und Bauherren, „wird es aber auch weiterhin geben.“ BIM soll das Bauen ja nur verbessern, nicht entwurzeln.