concepts
01 | 2020
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Interview mit Ascan Mergenthaler

„Wir sind streng, aber dialogbereit“

Sind Stararchitekten wirklich so kompliziert? Ascan Mergenthaler ist Senior-Partner des Baseler Architekturbüros Herzog & de Meuron und hat rund um die Welt aufsehenerregende Gebäude realisiert. Zum Beispiel gemeinsam mit HOCHTIEF die Hamburger Elbphilharmonie. Im Gespräch mit concepts-Chefredakteur Torsten Meise gibt Mergenthaler Einblick in das Denken und Arbeiten von Herzog & de Meuron.

conceptsHerr Mergenthaler, die Mitarbeiter von HOCHTIEF, die den Entwurf der Elbphilharmonie umgesetzt haben, sagen unisono: Das war von einer Komplexität, die mit keinem anderen Bauwerk vergleichbar ist. Würden Sie dem aus der Architektenperspektive heraus zustimmen? 

Ascan MergenthalerEs gibt zwar Bauaufgaben, die ähnlich komplex sind, aber zugegebenermaßen nicht sehr viele. Die Elbphilharmonie ist sicher eines der komplexesten Gebäude von Herzog & de Meuron. Allein der Konzertsaal musste so viele Kriterien erfüllen, von der Statik über die Akustik, die Isolation, die Sichtlinien bis zur Entrauchung. Und das alles in 37 Meter Höhe auf einem bestehenden Gebäude zu errichten, machte die Sache auch nicht einfacher. 

conceptsDabei begann alles mit einer einfachen Skizze, oder?

MergenthalerRichtig. Das gibt es bei uns nicht sehr oft, denn so arbeiten wir normalerweise nicht. Aber diese einfache Idee stand am Anfang: nämlich das Neue auf das Bestehende zu setzen, den ehemaligen Kaffee- und Kakaospeicher. Sie dann tatsächlich umzusetzen, war unglaublich kompliziert.

conceptsWie streng müssen Sie als Architekt bei der Umsetzung des Entwurfs sein?

MergenthalerWir wollen keine Luftschlösser bauen, aber wir kämpfen für die Sache. Wir wollen auch herauskitzeln, dass sich alle Beteiligten selbst herausfordern. Wenn et- was dann nicht geht, muss man einlenken. Der Entwurf wird ja auch dadurch stärker, dass man Input von außen aufnimmt und kreativ integriert. Wir sind streng und anspruchsvoll, aber immer dialogbereit. Das ist wie Pingpong. Bei der Elbphilharmonie war das extrem so.

conceptsAber Sie gehen schon ganz gern an die Grenzen des Machbaren? 

MergenthalerNein, das ist kein Prinzip, das uns leitet. Manchmal macht die aufwendigste Konstruktion Sinn, um das umzusetzen, was man erreichen will. Und manchmal reicht es, auf Altbewährtes zurückzugreifen und eine Bauaufgabe in ihrer einfachsten Form zu lösen. Es hat keinen Sinn, aus Prinzip immer ans Maximum zu gehen.

conceptsQualitätskontrolle ist allerdings sehr wichtig?

MergenthalerJa, das ist ein extrem wichtiger Aspekt. Wir sind jedoch keine Detailfetischisten. Es geht uns vor allem darum, dass der Raum und das Material von hoher Qualität sind. Das Gebäude und seine Materialien müssen nicht nur schön anzusehen sein, sondern sich auch gut anfühlen. Die Qualität muss mit allen Sinnen wahrnehmbar sein.

conceptsDie Elbphilharmonie war ein schillernder Solitär. „Am Tacheles“, Ihr neuestes Projekt mit HOCHTIEF, scheint sich eher zurückhaltend in die bestehende Stadtlandschaft von Berlin-Mitte einfügen zu wollen. Welche Besonderheiten kennzeichnen dieses Projekt?

MergenthalerDas wirklich Besondere daran ist, dass es neue Stadträume bildet: Höfe, Gassen, Passagen, Freiräume, kleinere und größere Plätze, Orte für jedermann. Was wir auch erst im Laufe des Projekts herausgefunden haben: Das Kulturzentrum Tacheles war früher das Kopfgebäude einer der beeindruckendsten Passagen in Berlin. Diesen historischen Fußabdruck inmitten der Friedrichstadt wollen wir zurückbringen, nicht als Passage oder Shoppingmall, sondern als Straßenraum.

conceptsSie haben den Masterplan gemacht, zusammen mit zwei anderen Architekten setzen sie ihn um. Wie strikt mussten Sie dabei sein?

MergenthalerWir haben den Gestaltungsraum vorgegeben, und jeder Architekt hat diesen sehr individuell umgesetzt. Der gründerzeitliche Block war ja historisch mal aus einem Guss, und das soll wieder so werden. Man soll erkennen können, dass das zusammengehört. Zum Beispiel durch die Vorgabe, durchweg mineralische Fassaden zu verwenden oder eine einheitliche helle Farbpalette. Das wird keine Ansammlung von expressiven, autistischen Gebäuden – die Sprache der Architektur ist eher konventionell, allerdings elegant und raffiniert im Detail, mit toller Materialität.

conceptsDie 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts brachten die vielleicht größte Modernisierungswelle in der Geschichte von Architektur, Wohnen und Städtebau. Werden wir in den jetzt anbrechenden Zwanzigern ähnlich fundamentale Veränderungen sehen?

MergenthalerEs wäre zu hoffen. Vieles passiert bereits, aber Architektur und Städtebau sind sehr langsam. Etwa die gesamte Ökobilanz eines Gebäudes zu betrachten, damit fängt man ja jetzt erst an. Wir sind da schon in einer Umbruchsituation. Man darf nur nicht die Gebäude oder ihre Bauteile isoliert anschauen – man muss immer auch das Ganze und den Kontext im Blick haben.

conceptsÄndert sich die Arbeit eines Architekturbüros wie Herzog & de Meuron dadurch?

MergenthalerJa, wir denken zum Beispiel viel mehr als früher über Stadtentwicklung und Raumplanung nach. Wie bewegen sich Menschen durch die Stadt und von Stadt zu Stadt? Wie kann man Städte effizienter gestalten? Wie kann man Weichen stellen, damit die Städte wieder fit sind für die Jahrzehnte und Jahrhunderte, die noch kommen? Unser Feld Architektur war schon immer ein breites, und wir wollen das jetzt noch mehr erweitern, von der Makroperspektive, wo wir uns über S-Bahn-Linien und Infrastruktur Gedanken machen, bis hin zum Hocker, der in dem Gebäude einmal stehen wird. Diese Bandbreite abzudecken finden wir spannend.

Das Projekt ⇨Im Dreieck Friedrichstraße / Oranienburger Straße klaffte bislang noch eine riesige städtebauliche Lücke, die durch das Projekt „Am Tacheles“ geschlossen wird. Mitten im Herzen Berlins entsteht ein neues Stadtquartier mit Wohnungen, Geschäften und Büros. Elf Gebäude mit insgesamt 86.000 Quadratmeter oberirdischer Fläche fügen sich dabei sehr harmonisch in die gründerzeitlich geprägte Umgebung ein. Das ehemalige Kunsthaus Tacheles ist Teil des Ensembles.

Ascan Mergenthaler ⇨Als einer von fünf Senior-Partnern leitet der 51-Jährige heute bis zu 14 internationale Projekte des Architekturbüros Herzog & de Meuron. Seit 1998 arbeitet er bei den 2001 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichneten Baseler Architekten und hat unter anderem in Hongkong, London, San Francisco und New York ikonische Projekte realisiert. Für die Elbphilharmonie war der in Stuttgart geborene Architekt fast von Anfang an verantwortlich. Auch für das in Berlin gestartete Projekt „Am Tacheles“ ist Mergenthaler „Partner in Charge“.