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01 | 2021
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Neue Gebäude bieten Raum für Veränderung

Die Arbeitswelt ist im Wandel. Das hat das vergangene Jahr besonders deutlich gezeigt. Corona als Ursache dieses Wandels zu verstehen wäre jedoch zu kurz gedacht. Bereits vor Ausbruch der Pandemie gab es den Trend, die feste Zuordnung eines Büroarbeitsplatzes zu einer Person aufzulösen – und zu ersetzen durch flexiblere Konzepte wie Desksharing.  „Corona ist nicht der Grund, wohl aber ein bedeutsamer Beschleuniger der aktuellen Entwicklungen“, bestätigt Pierre Alexander, Geschäftsführer der HOCHTIEF-Tochter Debausie. „Die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung schon lange bietet, wurden nur bisher bei Weitem nicht ausgeschöpft.“ 

Über die Gründe lässt sich spekulieren. Bequemlichkeit spielte sicher eine Rolle („Es läuft doch bei uns, warum sollten wir da anfangen zu experimentieren?“), Mangel an Vertrauen („Wer weiß, ob unsere Mitarbeiter im weitgehend unkontrollierbaren Homeoffice vernünftig arbeiten?“) oder ganz allgemein die Sorge, dass die für Übergangsphasen üblichen Reibungsverluste die Produktivität bremsen. Dann zwang die Coronapandemie die Unternehmen zum Handeln: Plötzlich mussten sie verstärkt auf dezentrale Arbeit setzen, um weiter funktionieren zu können. IT-Abteilungen übertrafen sich selbst und schufen vielfach über Nacht eine „Entfesselung der Angestellten“ vom Präsenzbüro. Laut einer Studie der Krankenversicherung DAK verdreifachte sich die Arbeit im Homeoffice während des vergangenen Jahres, die Nutzung von Video-, Telefonkonferenzen und anderen digitalen Arbeitsformen stieg um 100 Prozent. Und die Erfahrungen waren vielfach positiv: Die Hälfte der befragten Heimarbeiter gab an, von zu Hause aus sogar produktiver zu sein. Folgt daraus, dass wir in Zukunft kaum noch Bürogebäude brauchen? „Klares Nein“, lautet die Antwort von Pierre Alexander. „Büroimmobilien werden allerdings anders konzipiert sein als heute: individualisierter, flexibler, digitalisierter.“

BÜROARBEIT HAT SICH VERÄNDERT

Diese Prognose teilt Andreas Leuchtenmüller, geschäftsführender Gesellschafter von M.O.O.CON, einem der in Deutschland führenden Unternehmen, die Firmen bei der Konzeption und Optimierung ihrer Büros beraten. „Es geht immer mehr um die Frage der bestmöglichen Arbeitsumgebung“, sagt er. Das Bürogebäude der Zukunft besteht demzufolge aus Heimatbereichen für Teams oder Themen mit Raummodulen, die firmenindividuell die optimalen Umgebungen bereitstellen. „Nicht mehr die Funktion einer Person definiert den Arbeitsplatz und den Raum, sondern die Tätigkeit. Mein Arbeitsplatz ist da, wo ich die bestmöglichen Voraussetzungen für meine jeweilige Tätigkeit vorfinde. Zum Beispiel in einem Open Space für einfachere Erledigungen. Oder in einem Fokusraum, der optimale Voraussetzungen für Tätigkeiten bietet, die Konzentration erfordern. Oder eine hybride Lösung, die Gruppen die gleichwertige Zusammenarbeit in Videokonferenzen ermöglicht, deren Teammitglieder physisch an unterschiedlichen Orten sind.“

Den Ausgangspunkt dieser Entwicklung sieht Leuchtenmüller in einer weiteren inhaltlichen Wandlung von Büroarbeit: Reine Erledigungsarbeiten laufen zunehmend computerbasiert und wie Konzentrationsarbeit von zu Hause. Im Büro wird zunehmend kreativ und gemeinsam gearbeitet. Der Bedarf an persönlicher Kommunikation für den Austausch von Wissen und Erfahrung nimmt ebenso zu wie die Notwendigkeit, sich zu vernetzen. Auf den Punkt gebracht: Das Tätigkeitsspektrum eines Angestellten ist im Vergleich zu früher heterogener. Für seine unterschiedlichen Aufgaben mit völlig unterschiedlichen Anforderungsprofilen nutzt er verschiedene Orte und Räume. „Als logische Konsequenz daraus muss ein Unternehmen auch ein heterogenes Büroportfolio an Orten und Räumen anbieten“, sagt Leuchtenmüller. Wie genau dieses Portfolio aussieht, ist von Firma zu Firma höchst unterschiedlich: „Das Standardbüro als alleinigen, zentralen Arbeitsort wird es nicht mehr geben. Jedes Unternehmen hat andere Bedarfe, andere strukturelle, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Anforderungen, die sich nur individuell in Best Fit übersetzen lassen.“

GEBÄUDE PASSEN SICH AN

Dem steigenden Bedarf an hochgradig flexibel organisierbaren Flächen wird bereits heute Rechnung getragen. Zum Beispiel beim Bau des Weidt-Park-Corners, eines Bürokomplexes, den HOCHTIEF bis Oktober 2021 am Berliner Otto-Weidt-Platz errichtet. „Die Fassade ist so geplant, dass alle 1,30 Meter eine Trockenbauwand zur Herstellung eines Büros möglich ist. Dies ist ein ungewöhnlich kleines Raster“, erklärt Projektleiter Alexander Worlitz.

Sämtliche Deckenanschlüsse – zum Beispiel für Sprinkleranlagen und Beleuchtung – seien an dieses Raster angepasst. Zudem wird das Gebäude mit Hohlraumböden ausgestattet, die es ermöglichen, an quasi jeder Stelle ohne großen Zeit- und Arbeitsaufwand Bodentanks und Netzwerkanschlüsse zu installieren. Den Gestaltungsmöglichkeiten für die Anordnung von Büroräumen im Gebäude sind daher kaum Grenzen gesetzt. Auch im Nachhinein, bei einem Mieterwechsel zum Beispiel, kann mit überschaubarem Aufwand umgestaltet werden.

ARBEITEN MIT WOHLFÜHLFAKTOR

Ein weiterer wichtiger Trend der Büro­arbeitswelt lässt sich unter dem Stichwort Wohlbefinden zusammenfassen. „Das beginnt mit den Parametern Licht, Luft und Lärm: Damit sich die Mitarbeiter wohlfüh­len, brauchen sie natürliches Licht, frische Luft, und sie dürfen nicht durch unange­nehme Geräuschkulissen belästigt werden“, sagt Pierre Alexander.

Erreicht wird dies durch moderne Baumate­rialien wie Glastrennwände oder durch Sen­soren, die Licht und Temperatur regulieren und sogar erkennen können, ob sich in einem Raum Menschen aufhalten, und die Energieversorgung entsprechend anpassen. Weitere Elemente zum Thema Wohlbefin­den sind Pflanzen und Möbel, die nicht nur funktionale Anforderungen erfüllen, son­dern auch ergonomisch und schön anzuse­hen sind. Vielfach werden zudem herkömm­liche Büroküchen – fensterlos und mit dem Charme einer Abstellkammer – umge­staltet zu attraktiven Treffpunkten mit hoher Aufenthaltsqualität. 

DAS BÜRO ALS SOZIALER ORT

Was für Menschen mit einem traditionellen Bürobegriff womöglich nach purer Well­nessoase aussieht, erfüllt durchaus wirt­schaftliche Interessen, wie Pierre Alexander erläutert: „Wenn ich als Arbeitgeber für das Wohlbefinden meiner Mitarbeiter sorge, mache ich mich attraktiver, zum Beispiel für Fachkräfte, die ansonsten schwer zu bekommen sind. Und wenn ich sie gewon­nen habe, möchte ich, dass sie produktiv sind. Am produktivsten ist man, wenn man sich in der Arbeitsumgebung wohlfühlt. Man ist fitter und motivierter – das führt zu niedrigen Krankenständen und höheren Leistungen. Eine Win-­win­-Situation für alle Beteiligten.“

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Bürogebäude zunehmend auch mit Cafés, begrünten Dachterrassen und sogar Fitnessstudios ausgestattet werden. Gastronomie-­ und Sportangebote in Büro­gebäuden sind mehr als reine Freizeitein­richtungen, sie sind weitere Module im Kon­zept der bestmöglichen Arbeitsumgebung. „In einer Zeit, in der Kreativarbeit und Netzwerken einen immer höheren Stellen­wert haben, brauchen wir Räume für zufäl­lige Begegnungen, für informellen Aus­tausch. Es geht um Informationsflüsse, die per Telefon oder E-­Mail nicht stattfinden können. Man muss das Büro als sozialen Ort begreifen“, sagt Pierre Alexander.

Das in München entstehende Munich Urban Colab ist ein Paradebeispiel für die Umset­zung dieses Netzwerkgedankens. Auf mehr als 11.000 Quadratmetern werden hier Start-­ups, Corporate Innovators, Wissen­schaftler und Kreative aus verschiedenen Branchen und Disziplinen gemeinsam unter einem Dach arbeiten. Neben Büroräumen, Co­-Working­-Spaces, Veranstaltungs­- und Seminarräumen, Living Labs und einer Hightech­-Prototypenwerkstatt bietet das Gebäude auch ein Café, zwei Wintergärten und einen Sport­- und Fitnessraum mit dem erklärten Ziel, die Akteure auf diese Weise zusätzlich zusammenzubringen.

SOFA, SESSEL, COUCHTISCH

Anders als im Munich Urban Colab werden im Stream-­Tower, der zurzeit in Berlin gebaut wird, nicht viele kleinere Mieter ein­ziehen, sondern nur eine große Firma mit rund 2.300 Arbeitsplätzen, nämlich der Ver­sandhändler Zalando. Dennoch nehmen hier Transparenz, Netzwerk­ und „Wellbeing“­ Aspekte ebenfalls einen breiten Raum ein. Das verantwortliche Architekturbüro Gewers Pudewill (Berlin) hat beispielsweise „Living Rooms“ (zu Deutsch: Wohnzimmer) eingeplant, die mit Sofas, Couchtischen und Sesseln ausgestattet werden und sich auf rund 800 tageslichtdurchfluteten Quadrat­metern über jeweils zwei Etagen erstrecken. Verbunden werden sie mit offenen Treppen, die so großzügig bemessen sind, dass sie zusätzliche Sitzgelegenheiten bieten. Ziel der wohnlichen Gestaltung ist auch hier das Schaffen bestmöglicher Arbeitsumgebun­gen. Das Modul „Living Room“ soll optimale Voraussetzungen für informellen Aus­tausch der Mitarbeiter, für Versammlungen größerer Gruppen oder für kurze Bespre­chungen zwischen zwei Phasen im Fokus­büro bieten. Weitere Module des Stream­-Towers sind Konferenzbereiche, öffentlich zugängliche Gastronomieflächen und Terrassen auf allen Etagen.

Kein Zweifel: Architekten, Designer und Bauindustrie werden auch in Zukunft viel zu tun haben. Ihre Aufgabe ist es, Büroraum­-Ensembles zu schaffen, die jedem Mitarbei­ter für jede seiner Aufgaben die ideale Umgebung zur Verfügung stellen. Und das Homeoffice? Wird es weiter geben, da sind die Experten sich einig. Denn zu bestimm­ten Zeiten oder für bestimmte Tätigkeiten kann eben auch die eigene Wohnung der bestmögliche Arbeitsplatz sein. Das Homeoffice ist eines von vielen Modulen der neuen Arbeitswelt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Text: Sebastian Bröder