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01 | 2021
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Spektakuläre Maßarbeit

Von  Westen aus betrachtet ist die neue Signatur der Frankfurter Skyline am deutlichsten als Eins zu erkennen. Von Osten funktioniert die symbolische Ansicht zumindest noch als spiegelverkehrte Ziffer. Aber woher man das mit knapp 190 Metern sechsthöchste Gebäude der Bankenmetropole auch betrachtet, der ONE fasziniert mit einer scheinbar unmöglichen architektonischen Besonderheit: einer frei schwebenden Auskragung in rund 130 Meter Höhe, auf der noch einmal 16 weitere Stockwerke über der Frankfurter City thronen.

Das von CA Immo in Auftrag gegebene Hochhaus mit der markanten Silhouette wird als Hotel und Bürogebäude dienen, aber auch öffentlich zugängliche Flächen besitzen. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat es mit Platin vorzertifiziert, der bestmöglichen Auszeichnung. Im Frühjahr 2021 hat HOCHTIEF den Rohbau des neuen Pracht-Polygons samt daneben liegendem Parkhaus für Autos und Fahrräder übergeben. Die Verantwortlichen des Unternehmens müssen dabei immer wieder eine Frage beantworten: Wie baut man eigentlich eine frei schwebende Auskragung in rund 130 Meter Höhe?

16 ETAGEN ALS LAST

Die Antwort kennt Otmar Püchert, Senior-Projektleiter bei HOCHTIEF. Er hat in mehr als 32 Berufsjahren viele anspruchsvolle Bauwerke im Detail studiert. Mit dem ONE nahe der Frankfurter Messe fand der Ingenieur allerdings eine besonders spektakuläre Herausforderung: die Konstruktion des von den Architekten geplanten dreieckigen Gebäudeüberhangs von 8,50 Meter, der mit 16 Etagen eine enorme Last zu tragen hat. Wer verstehen möchte, wie so etwas funktioniert, muss ein bisschen in die Geschichte des Hochhausbaus eintauchen.

Bereits im Jahr 1930 entstand mit dem New Yorker Chrysler Building das erste Gebäude mit einer Höhe von mehr als 300 Metern. Die Wolkenkratzer der ersten Generation, wie man sie vor allem aus den USA kennt, waren starre Stahlgerüste mit enormem Gewicht, die wegen ihres Baumaterials nur mit eingeschränkten Möglichkeiten der Formgebung realisiert werden konnten. Die Revolution im Wolkenkratzerbau begann mit dem Werkstoff Beton. Moderne Hochhäuser bestehen in der Regel aus einem massiven Stahlbeton-Kern – beim ONE sind es zwei –, an dem die Stockwerke und Fassadenlasten seitlich quasi „angehängt“ werden.


Die Trageigenschaften des in Sachen Formgebung flexibel einsetzbaren Werkstoffes machten statisch unmöglich erscheinende Husarenstücke wie die Auskragung am ONE erst möglich. Hier verbaute HOCHTIEF 65.000 Kubikmeter Beton, um 49 Etagen mit einer Grundfläche von 2.200 Quadratmetern zu schaffen. Für Frankfurt ist die Architektur neu und aufregend. Mit dem ONE bekommt die Skyline eine mutigere Note. HOCHTIEF-Projektleiter Otmar Püchert kennt „kein anderes deutsches Gebäude, das mit einer Auskragung unter vergleichbarer Traglast in dieser Höhe errichtet wurde“.

Die Architektur des ONE sieht zwei Versprünge über den Etagen 14 und 33 vor, die dem Gebäude den charakteristischen Look der Eins verleihen. Während auf Etage 15 – übrigens ein Konferenz- und Co-Working-Space – durch die Verjüngung des Gebäudekorpus eine Terrasse entsteht, musste als Bodenplatte der 34. Etage ein Überhang von 8,50 Meter in die entgegengesetzte Richtung geschaffen werden. Weil sich für Arbeiten in rund 130 Meter Höhe nur schwerlich ein Gerüst am Boden aufstellen lässt, wurde an der Außenwand des Gebäudes eine vormontierte Stahlfachwerk-Konstruktion in luftige Höhen gezogen. Diese trug nach ihrer Montage zeitweise die Last von sechs Etagen. Das Gewicht der Überbauten und die 140 Tonnen der Trägerkonstruktion fingen ein kleiner Vorsprung auf  Etage 29 sowie seitlich ans Gebäude abgeleitete Zug- und Druckkräfte auf. Ein wahres Wunderwerk statischer Berechnungen, aber auch der Montagekunst.

NACHTSCHICHT MIT HÖHENRETTERN

Otmar Püchert erinnert sich ans nächtliche Anbringen des Stahlstützbocks, der elf Meter an der nordöstlichen Gebäudeecke in die Luft hinausragte. Alle übrigen Arbeiten am Hochhaus mussten in dieser Zeit ruhen. Unter der Auskragung lag die Ausfahrt der Baustraße und daneben, im belebten Frankfurter Europaviertel, der Zugang eines stark besuchten Einkaufszentrums. Die Montage-Nachtarbeit, übrigens mit anwesenden Höhenrettern, war alternativlos. Ebenfalls in der Nacht wurde das Stahlfachwerk um zwei Trägerrostlagen ergänzt und ein schweres Tragraumgerüst im Schutz eines abgenetzten weiteren Gerüstes aufgebaut. Der Unterbau für die Schalebene der Decke über dem 33. Obergeschoss war fertig. Am 24. September 2020, einem besonderen Tag für die ONE-Mannschaft, konnte die auskragende Decke betoniert werden. Von hier aus wuchs das Gebäude noch einmal 50 Meter in die Höhe, auch auf dem Überhang. Fest am Rohbau verankert, musste die Trägerkonstruktion zeitweilig sechs Etagen-Überhänge allein tragen, bis sie entlastet werden konnte, weil das Gebäude das Gewicht stemmen konnte. Doch wohin „verschwinden“ die Kräfte des Überhangs eigentlich, wenn das Stahlgerüst entfernt wird?

SPEZIALBETON

Die Antwort liefert ein akribisch berechnetes Maßnahmenbündel. Wichtige Rollen spielen seitlich abgeleitete Kräfte, die richtigen Materialien und deren Verarbeitung. Ab Obergeschoss 34 entdeckt der statisch geschulte Kennerblick zusätzliche Zugwände im Zentrum des Rohbaus. Zudem wird hier oben steiferer Beton verwendet. Auch die Aushärtungszeit des Materials – sie lässt Bauarbeiten bei winterlichen Temperaturen deutlich länger dauern als im Sommer – wird ständig neu berechnet.

HOCHTIEF unterhält für die Analyse ein eigenes Betonlabor. Proben aus unterschiedlichen Gemischen werden in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt auf Rüttelplatten gesetzt, um die Normfestigkeit nach 7, 14, 21 und 28 Tagen zu ermitteln. Dabei gilt die unter Betonfachleuten gut bekannte 28-Tage-Festigkeit als das Erwachsenenalter des Baustoffes. Für Otmar Püchert und seine rund 120 Mann starke Baustellenmannschaft liefert sie einen wichtigen Kennwert. Er entscheidet darüber, wann Stützkonstruktionen entlastet werden können, weil sich neue Böden, Decken und Wände der Frankfurter Rieseneins von nun an selbst tragen. Wenn Frankfurts jüngstes Skyline-Mitglied Anfang 2022 vollendet ist, könnte es zum Touristenmagneten und zur Begegnungsstätte werden. Nicht nur wegen des Co-Working-Spaces und des Hotels, das bis Etage 14 Besucher aus aller Welt empfängt, sondern auch wegen einer Skybar in rund 185 Meter Höhe. Von Westen, von Osten und auch von ganz oben wird der ONE schon bald für spektakuläre Perspektiven bekannt sein.

Text: Eric Leimann