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© Hans-Jürgen Landes

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 rückt auch ein Stück Baugeschichte in den Fokus, das viele gern abgerissen sähen: die rohe Betonarchitektur der Nachkriegszeit. HOCHTIEF hat viele dieser Bauwerke und Ensembles errichtet und engagiert sich teilweise auch für ihre Modernisierung.





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Wer vor der Grugahalle steht, ist auch 60 Jahre nach ihrer Eröffnung überwältigt. Wie ein steinerner Schmetterling hockt dieses Monument der Moderne auf dem Essener Asphalt. Seine ausgebreiteten Flügel ragen schräg in den Himmel des Ruhrgebiets. Wenn bei Nacht Tausende Lichter die Konzerthalle für 10.000 Besucher erleuchten, könnte ihr Selbstbewusstsein kaum größer sein. Im trüben Tageslicht eines wolkenverhangenen Sommertags jedoch nimmt dieser Glanz schlagartig ab. Schrecklich, urteilen Kritiker ihres wuchtigen Baustils. Schön, entgegnen Befürworter dieses herausragenden Denkmals der frühen Nachkriegszeit, das HOCHTIEF Ende der Fünfzigerjahre errichtete. Die Rolling Stones und die Beatles traten hier auf, von 1977 bis 1986 war die Halle Schauplatz der „Rockpalast“-Nächte von WDR und ARD.



Viele Bauwerke jener Epoche waren und sind extrem umstritten. Sie sind Zeugnisse des Brutalismus, jener Ära, in der viele Neubauten mit kühner Klarheit und großen Dimensionen gestaltet wurden. Der Begriff ist doppeldeutig. Zwar scheinen viele dieser Bauten tatsächlich ein brutaler Eingriff in das Gesicht einer Stadt zu sein, doch das Kunstwort stammt vom französischen „béton brut“ ab, zu Deutsch: roher Beton. Brutalismus hat also zunächst nichts mit Gewalt zu tun.

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ATEMBERAUBENDE

 BAUKUNST 

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TIM RIENIETS, STADTBAUKULTUR NRW

Zement, Steine, Wasser, Bindemittel: Schon die Bauherren der Antike kannten Vorläufer des ebenso praktischen wie langlebigen Dispersionswerkstoffs. Einige Jahrtausende später nun brachte er den Wiederaufbau des kriegsversehrten Europas voran. Beton wirkte dabei zwar nicht annähernd so gemütlich wie der weitverbreitete Rotklinker. Aus Sicht visionärer Architekten wie Le Corbusier allerdings war er nicht nur zweckmäßig und bezahlbar, sondern wegen seiner glatten Oberfläche auch ehrlicher als die verschnörkelte Vorkriegsarchitektur und das genaue Gegenteil vom Fachwerk, das vor den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg viele Altstädte Deutschlands dominiert hatte. Wer durch deutsche Metropolen wandert, fin­det daher bis heute Spuren dieser grauen Moderne: Museen, Parkhäuser, Verwaltungsgebäude, ganze Wohnsiedlungen, selbst Schulen und Schwimmbäder kehrten ihr Innerstes nach außen und zeigten sich unverputzt, roh, realistisch. Nicht nur Fachwerkfans schaudert es da im Angesicht der scheinbaren Grobheit des breitschultrigen Sichtbetons. Doch wo sie Einfalt beklagen, schwärmt Tim Rieniets vor allem von Vielfalt. Der Geschäftsführer der nordrhein-westfälischen Landesinitiative StadtBauKultur NRW hat gemeinsam mit der TU Dortmund ein Netzwerk ins Leben gerufen, dessen Name allein voller Wärme fürs angeblich kalte Bauen mit brutalem Beton ist: Big Beautiful Buildings.

In Kooperation mit HOCHTIEF will der Verein aus Gelsenkirchen die Architektur der Fünfziger- bis Siebzigerjahre feiern. Eine extrem produktive Zeit, in der 38 Prozent des heutigen Baubestands zwischen Rhein und Oder, Alpen und Ostsee entstanden sind. Es geht Rieniets und seinen Mitstreitern darum, ein bauliches Erbe zu bewahren, das seinen angekratzten Ruf nicht verdient hat. Trotz aller Fehler, die Tim Rieniets in der Nachkriegsarchitektur ausmacht, „haben die ersten drei Jahrzehnte nämlich atemberaubende Baukunst hervorgebracht, die mit der Vergangenheit aufräumen wollte“. Wo Enge war, wurde es luftig, wo Dunkel herrschte, drang Licht ein, wo es gleichförmig zuging, wirkte Kreativität.

Wenn der gelernte Architekt von dieser Sichtbetonrevolte spricht, verändert sich sein Tonfall schlagartig ins Schwelgerische. Bochums Ruhr-Universität etwa, mit der HOCHTIEF in einer Arbeitsgemeinschaft Anfang der Sechziger dem Revier auf dem Weg zum Wissenschaftsstandort verhalf: „Richtungsweisend!“ Der Florianturm, den HOCHTIEF kurz zuvor 200 Meter in den Dortmunder Himmel ragen ließ: „Kühn!“ Dazu die Terrassenhäuser der Dorstener Finnstadt, in denen das Wohnen nicht nur autofrei oder grün, sondern kommunikativ und sozial wurde: „Wahrhaft Architektur für den Menschen!“ All die Big Beautiful Buildings, denen StadtBauKultur NRW nun Aufmerksamkeit verschafft, kennzeichnen aus Sicht des Kurators daher „den damaligen Anspruch, international als offenes, fortschrittliches, demokratisches Land Anschluss zu gewinnen“.


Dank voller Kassen, spendabler Kommunen und ehrgeiziger Ziele schaffte es selbst das kleine nordrhein-westfälische Marl Anfang der Siebziger zum Hotspot urbaner Utopien. Das Luftkissendach des Einkaufszentrums, der pyramidenförmig ansteigende Wohnhügel, die sternförmig verschachtelte Scharounschule oder Marls monumentales, aber transparentes Rathaus: Auf dem geplanten Weg zur Großstadt war die Kreisstadt aus Sicht von Rieniets „zu Experimenten bereit, die heute niemand mehr eingehen würde“. Im Gegenteil. Denn wie fast überall steht der Brutalismus auch hierzulande längst in der Kritik. Während am öffentlichen und mehr noch am privaten Neubau gleichförmige Kassettenfenster-Ödnis regiert, ist die skulpturale Nachkriegsarchitektur bestandsgefährdet. Jüngstes Beispiel dieser Geringschätzung ist der Hamburger City-Hof von 1958. Die vier markanten Hochhäuser am Hauptbahnhof der Hansestadt sollen nach dem Willen der Stadt abgerissen werden. Stararchitekt Volkwin Marg legte ein hochgelobtes Sanierungskonzept vor, das jedoch an Formfehlern scheiterte, sodass das umstrittene Juwel vor dem Aus steht.

Anders als der Baustoff Beton kennt der Kampf um die Deutungshoheit des schönen Stadtbilds kaum noch Grautöne. Landhausfreunde wie Prinz Charles fordern seit Langem beharrlich den totalen Abbruch des Brutalismus. Stadtsoziologen wie Walter Siebel aus Oldenburg beurteilen Gebäude dagegen nicht am einzelnen Objekt, sondern als Ensemble verschiedener „Erinnerungs- und Gedächtnisräume“, in denen jede Epoche ihren Platz habe. Irgendwann sogar die heutige. Und so formieren sich langsam auch die Verteidiger des béton brut. „The Brutalism Appreciation Society“ etwa wächst zügig auf mittlerweile 60.000 Facebook-Freunde. 

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt kämpft unter dem Hashtag #SOSbrutalism ebenso für die Anerkennung des Baustils wie viele andere Unterstützer auch. Die Big Beautiful Buildings haben also keinesfalls nur Gegner. Und das hat nicht nur ästhetische Gründe. Für den Moment mag es günstiger wirken, Unliebsames abzureißen. „Aber Kaputtmachen des Erhaltenswerten ist eine ökonomische Perversion“, findet Tim Rieniets. Dass es auch anders geht, zeigt HOCHTIEF an der Ruhr-Uni Bochum. Seit 2011 befreien die Mitarbeiter die Gebäude vom einst gebräuchlichen Giftstoff PCB. Lediglich zwei Gebäude konnten nicht gerettet werden. „Aber auch nach gut 50 Jahren Nutzung“, meint der zuständige Projektleiter Jörg Kocian, „spielen die Ziele Modernisierung, Erhalt und Erneuerung eine wesentliche Rolle.“ Und ohne die gesundheitsschädliche Substanz bleibt die Universität in ihrem Charakter, wie sie ist: brutal, aber schön.