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Proteste gegen Großprojekte sind wohl so alt wie die Zivilisation, auch wenn sie erst in jüngerer Zeit gut dokumentiert sind. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes Mitte des 19. Jahrhunderts beispielsweise traf auf heftigen Widerstand. Der englische Dichter William Wordsworth verfasste aus Protest gegen die Eisenbahnlinie Kendal and Windermere Railway sogar ein Sonett: „Bleibt denn kein Fleckchen Englands unberührt /Vom hastigen Bebauungswahn?“ Heute gehört diese Nebenlinie zu den malerischsten Bahnstrecken in ganz Großbritannien. Weiter nördlich wäre die weltberühmte Forth Bridge beinahe nicht gebaut worden. Nachdem jahrzehntelang darüber diskutiert worden war, ob eine Brücke über den Firth of Forth umsetzbar und überhaupt wünschenswert wäre, begann der Bau schließlich im Jahre 1878 und wurde nach einigen technischen Irritationen 1889 vollendet – im damals völlig neuartigen Design einer Auslegerbrücke. Sie entwickelte sich zu einem Symbol Schottlands und stellt bis zum heutigen Tag eine wesentliche Verkehrsverbindung dar, weil sie von bis zu 200 Zügen pro Tag befahren wird. 

VON SCHWEDEN NACH DÄNEMARK ÜBER DEN ÖRESUND

Vergleichsweise entspannt verlief der Bau einer weiteren symbolträchtigen Brücke in den stürmischen Gewässern Nordeuropas rund 100 Jahre später: der Öresundbrücke. Nach Baubeginn im Jahre 1995 konnte die Verbindung zwischen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und Schwedens drittgrößter Stadt Malmö schon drei Monate vor dem anberaumten Termin fertiggestellt werden und wurde im Jahre 2000 eröffnet. HOCHTIEF war an dem aus drei Unternehmen bestehenden Konsortium Sundlink beteiligt, das die Tunnel-Brücken-Kombination gebaut hat. Man vergisst jedoch schnell, dass eine feste Verbindung bereits 1973 von den beiden Ländern genehmigt, aber aus finanziellen Gründen und wegen Umweltbedenken bis 1978 zurückgestellt worden war. Erst 1991 wurde der Bau der heute längsten kombinierten Straßen-Schienen-Brücken in Europa endgültig freigegeben. 

Selbst nach der Eröffnung gab es noch Zweifel. Obwohl der Verkehr zwischen Dänemark und Schweden im ersten Jahr um 61 Prozent gestiegen war, blieb die Entwicklung hinter den Erwartungen zurück. Ab 2005 begann dann rapide die Veränderung, als die Bewohner von Kopenhagen und Malmö die neuen Möglichkeiten der Verbindung für sich entdeckten. Familien, die unter der Last hoher Immobilienpreise in und um Kopenhagen stöhnten, tätigten ihre Käufe jetzt einfach auf der anderen Uferseite, in Südschweden, wo die Häuser, Autos und sogar die Kinderbetreuung billiger waren. 

Der Preisunterschied war zum großen Teil auf die wirtschaftlichen Probleme zurückzuführen, mit denen Malmö seit dem Abbau der Schwerindustrie in den Achtzigerjahren zu kämpfen hatte. Nun aber stiegen die Bewohner von Malmö am dynamischen Arbeitsmarkt von Kopenhagen ein. Grenzpendeln wurde zum Standard, insbesondere nachdem im Jahre 2010 ein neuer Tunnel durch das Zentrum von Malmö die Zugreisezeit zwischen den beiden Städten auf etwa eine halbe Stunde reduziert hatte. 2015 überquerten täglich fast 100.000 Menschen die Brücke – also um circa 80 Prozent mehr als 2001. Nach Jahrzehnten des Bevölkerungsrückgangs begann Malmö wieder zu wachsen, von knapp unter 250.000 im Jahre 2005 auf heute über 300.000. Und noch wichtiger: Die Stadt hat sich zum Mittelpunkt der Hauptverkehrsader zwischen Skandinavien und Norddeutschland und darüber hinaus entwickelt. Dies wirkte sich entsprechend auf die Wirtschaft aus, da internationale Konzerne wie Mercedes oder IBM regionale Firmenzentralen in der Stadt eröffneten und der Arbeitsmarkt wuchs: Zwischen den Jahren 2000 und 2015 gab es einen Anstieg um 30 Prozent auf insgesamt 120.000 Jobs.

EIN NEUER KORRIDOR

Neben ihren unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen hat die Öresund-Verbindung die Verkehrsplanung in ganz Europa beeinflusst. Die Idee eines schnellen Korridors Malmö–Palermo für den Güter- und Personenverkehr ist entstanden. Südlich von Schweden, auf dem Weg über Dänemark nach Deutschland, gabelt sich dieser Korridor bei Hamburg – ein Ast geht über Niedersachsen direkt nach Süden, der andere führt über Berlin. Dieser wurde 2015 eröffnet, nachdem eine Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München fertiggestellt worden war, die die Zugreisezeit von sechs Stunden auf vier verkürzt. Das Herzstück dieser Hochgeschwindigkeitsstrecke stellt die 6.465 Meter lange Saale-Elster-Talbrücke dar. Sie ist die längste Brücke Deutschlands und die längste Eisenbahnbrücke Europas auf einer Hauptlinie – mit einer einzigartigen, 2.000 Meterlangen Streckenverzweigung auf der Brücke selbst, die es Zügen erlaubt, bei einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern nach Halle (Saale) abzuzweigen. HOCHTIEF war Teil des aus drei Unternehmen bestehenden Konsortiums der Deutschen Bahn. 

Weiter südlich verläuft die Strecke unter den Alpen. Seit 2016 kann sie den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel nutzen, den längsten und tiefsten Verkehrstunnel der Welt. Auf diese Weise wird die Reisezeit zwischen Zürich und Mailand um eine volle Stunde verkürzt. HOCHTIEF beteiligte sich mit vier Partnern und baute zwischen 2011 und 2016 etwa 30 Kilometer des Tunnels. Innerhalb des Programms Transeuropäische Verkehrsnetze der EU-Kommission sind drei unterschiedlich weit fortgeschrittene Projekte zur vollständigen Entwicklung der Malmö-Palermo-Verbindung vorgesehen: der Fehmarnbelt-Tunnel als Verkürzung der Strecke Kopenhagen–Hamburg (voraussichtliche Baugenehmigung: 2020), der zurzeit im Bau befindliche Brenner-Basistunnel unter den österreichisch-italienischen Alpen sowie – als krönender Abschluss – möglicherweise eine Brücke nach Sizilien. Die Straße von Messina ist nur halb so breit wie der Öresund.


» DIE ÖRESUND-BRÜCKE HAT DIE VERKEHRSPLANUNG IN GANZ EUROPA VERÄNDERT. «


STÄDTE IM WANDEL

All diese Projekte, ob erst geplant oder schon fertiggestellt, sind beziehungsweise waren umstritten: Umweltschützer kritisieren die Fehmarn-Verbindung, während der Brenner-Basistunnel, obwohl bereits im Bau, noch nicht komplett finanziert ist. Doch trotz der Kontroversen, die sie auslösen, gibt es oft sehr wichtige Gründe für den Bau von Verkehrsverbindungen. Wenn Autos von den Straßen verschwinden, lassen sich Umweltbedenken aus dem Wegräumen, und mit der Aussicht auf kürzere Reisezeiten kann man viele auch grundsätzlich skeptische Bürger überzeugen. 

Oft sind es Projekte zur Wiederbelebung in städtischen Gebieten, die sich der Öffentlichkeit zunächst deutlich schwerer vermitteln lassen. So war der Bau der Hamburger Elbphilharmonie von Anfang an neben vielen positiven Erwartungen auch harter Kritik ausgesetzt. Und dann haben sich die Hamburger gleich bei der Fertigstellung in die „Elphi“, wie sie sie liebevoll nennen, verliebt – die Aufführungen sind seit der Eröffnung im Januar 2017 mehr oder weniger durchgehend ausverkauft. Koordination und Bau wurden von HOCHTIEF übernommen. Dank der ansprechenden Dachkurven und ihrer Lage am Wasser wurde die Elbphilharmonie sofort zum neuen Wahrzeichen der Stadt. Infolge weltweiter Berichterstattung besuchten Hamburg auch mehr Touristen aus den USA – 2017 waren es beinahe 15 Prozent mehr als im Vorjahr –, was zu einem Anstieg an Übernachtungen um 3,7 Prozent beitrug. 

Am anderen Ende der Welt, im westaustralischen Perth, gab es sogar Demonstrationen gegen die Pläne zur Errichtung der Hafenanlage Elizabeth Quay, deren Kosten auf umgerechnet circa 280 Millionen Euro beziffert worden waren. Als sie im Januar 2016 eröffnet wurde, konnte die Hafenanlage die Herzen der Bewohner von Perth doch recht schnell erobern. CPB Contractors, das zur australischen HOCHTIEF-Tochter CIMIC gehört, und Broad Construction hatten das 100.000 Quadratmeter große Areal innerhalb von vier Jahren fertiggestellt. Im Zuge der Neubebauung wurde auch eine künstliche Bucht angelegt, die das Wasser näher ans Stadtzentrum brachte. Unverwechselbar wurde das Areal durch eine Fußgängerbrücke, die in ihrer Form an eine Acht erinnert. Mit den angrenzenden Cafés sowie Grünflächen und umgeben von öffentlicher Kunst hat der Ort seit seiner Eröffnung über zwölf Millionen Besucher angelockt. Sie kommen wegen des Wasserflairs und wegen der vielen Events, die dort stattfinden – mehr als 150 hat es seit der Eröffnung in Perth schon gegeben, angefangen von öffentlichen Dîner-en-blanc-Edelpicknicks bis hin zu Sportveranstaltungen auf Weltniveau. Dank der baulichen Entwicklungen hat Perth, die Hauptstadt Westaustraliens, Besuchern und Bewohnern mehr zu bieten denn je.

DIE WELT VON MORGEN

Und doch lässt sich die wichtigste Errungenschaft, die mit infrastrukturellen Baumaßnahmen einhergeht, weder an Statistiken ablesen noch an dem Zuwachs an Arbeitsstellen oder Investitionen aufzeigen. Fünfzehn Jahre nach der Eröffnung der Öresund-Verbindung beispielsweise war die Zehn-Meilen-über-und-unter-Wasser-Strecke so alltäglich geworden, dass man sie für selbstverständlich hielt. Mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen Ende 2015 jedoch, als sich Zehntausende von Asylsuchenden auf den Weg nach Schweden machten, wurde den Bewohnern der neuen grenzübergreifenden Metropole Kopenhagen/Malmö sehr deutlich, wie viel die Verbindung ermöglicht hatte: Die schwedische Regierung führte vorübergehend wieder Grenzkontrollen ein, wodurch sich die Reisezeit über den Öresund mit einem Schlag verdoppelte. Damit wurde die Region de facto für etliche Monate in den Zustand von 1999 zurückversetzt, als die schnellste Fähre rund eine Stunde für die Überquerung benötigte.

Das Phänomen lässt sich auch am Firth of Forth verdeutlichen. In den frühen 2000er-Jahren wurde die zweite Verbindung, eine 2.500 Meter lange, als Hängebrücke konstruierte Straßenbrücke von 1964, an geschäftigen Tagen regelmäßig 60.000-mal überquert, doppelt so oft wie ursprünglich geschätzt. Nach jahrelangen Debatten und Kontroversen wurden schließlich im Jahr 2011 die Arbeiten an der dritten Brücke aufgenommen, der 2700 Meter langen Schrägseilbrücke Queensferry Crossing. Als im Winter 2015 aufgrund akuter Defekte am Stahlwerk die Forth Road Bridge für mehrere Wochen geschlossen wurde und es auch danach zu Verkehrseinschränkungen kam, wurden Tausende Pendler um 50 Jahre zurückgeworfen und mussten entweder den Zug nehmen oder das Ufer umfahren. Ende August 2017, als endlich die neue Queensferry Crossing eröffnet wurde, war die Erleichterung in der ganzen Region zu spüren. HOCHTIEF war an dem aus vier Unternehmen bestehenden Konsortium beteiligt, das die Brücke gebaut hat. 

Ähnlich wie bei den Vorgängermodellen ist die Kritik an der dritten Brücke über den Firth of Forth seitdem verebbt. Nun sind die Anwohner hocherfreut darüber, dass mehr als 1.000 neue Häuser und Wohnungen entstehen, und darüber, dass die Immobilienpreise steigen – alles Folgen der neuen Verbindung–, während sich die Menschen an der gesamten Ostküste Schottlands darüber freuen, dass die Reisezeit nach Edinburgh und in die südlicheren Regionen zur Normalität zurückgekehrt ist.

Eine Woche nach der Eröffnung der neuen Queensferry Crossing trug Jackie Kay – die offizielle Hofdichterin von Schottland– ihre Ode an die neue Brücke vor: „Süd und Nord, Firth of Forth / hin und zurück, zurück und vor – Queensferry Crossing!/ Glanz und Glimmer, aufs Neue immer. Deiner Seile Glanz im Sonnentanz – Queensferry Crossing!“

Zum Interview mit Prof. Manfred Moldaschl