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© Turner Construction Company

IM HAIFISCHBECKEN!

Das von der Wildlife Conservation Society betriebene New York Aquarium am Strand von Coney Island ist seit vielen Jahren eine Attraktion der Stadt. Mit der Ausstellung „Ocean Wonders: Sharks!“ erhielt es jetzt eine spektakuläre Erweiterung.


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Aquarien zu bauen ist immer eine ganz besondere Herausforderung, doch bei dem Gebäude für die Ausstellung „Ocean Wonders: Sharks!“ gab es überhaupt keine Standardabläufe, auf die das Team hätte zurückgreifen können. „Bei diesem Projekt war jedes Element anders – fast jeder Winkel und jede Kurve, jedes Maß war eine Sonderanfertigung, die im Gebäude jeweils nur an einer einzigen Stelle verwendet wurde“, sagt Tony Juhas, der Projektleiter der HOCHTIEF-Tochter Turner Construction. Juhas ist ein erfahrener Bau- und Projektleiter, doch Know-how im Bau von Aquarien hatte er bis dato nicht. 

Folglich holte sich Juhas bei einer Reihe von Experten Unterstützung, als es darum ging, ein begehbares Aquarium zu bauen. Unter anderem suchte er Rat bei seinem Turner-Kollegen William Flynn, der als Inhouse-Experte seit den Siebzigerjahren am Bau von Aquarien mitwirkte oder die Projekte als Berater unterstützt hat. Zudem sollte das Renommierprojekt an der berühmten Seepromenade von Coney Island sowohl eine moderne Architektur als auch einen artenreichen Lebensraum für die großen Jäger der Meere vorweisen können. 

Beides ist gelungen. Das dreistöckige, 158 Millionen Dollar teure Gebäude für „Donald Zucker and Barbara Hrbek Zucker Ocean Wonders: Sharks!“ umfasst 5.000 Quadratmeter Ausstellungs- und Informationsfläche und ein Meerwasserbecken für 2,3 Millionen Liter. Die Architektur des Erweiterungsbaus imitiert Wellen und Wasserwirbel. Seine Fassade ist mit einer schimmernden Wand bedeckt: 33.000 kleine Metallplatten des Künstlers Ned Kahn glitzern individuell im Wind und lassen an die schimmernde Oberfläche des Meeres oder die Schuppen eines Fischs denken. Bei Dunkelheit wird die Fassade angestrahlt – ein wunderschöner neuer Hingucker an der Küste New Yorks. 

Auch im Innern des Haitempels, der insgesamt neun Aquarien beherbergt, existieren kaum gerade Linien. Das ist schön für den Betrachter, doch es war für Juhas und sein Team auch mit einer Reihe von Herausforderungen verbunden. Damit die Besucher zwischen Fischschwärmen über ein künstliches Korallenriff laufen oder durch ein von drei Meter langen Haien umwedeltes Schiffswrack wandeln können, bedurfte es riesiger, geschwungener Acrylfenster, von denen jedes einzelne anders geformt ist. Diese Scheiben einer Spezialfirma aus Colorado mussten eingefügt werden, bevor das Stockwerk darüber gebaut wurde. In Aquarien werden – statisch betrachtet – Fenster zu tragenden Wänden. Der Druck der Wassermassen ist gewaltig, und das will berechnet sein. Hinzu kommen spezielle, wasserabweisende Betonrezepturen und verstärkte Stahlgerüste. Das Haiaquarium besitzt darüber hinaus ein anspruchsvolles „Innenleben“ – denn die Bewohner wollen gesund und bei Laune gehalten werden. Temperatur und Wasserqualität müssen auf die Anforderungen von mehr als 100 Fischarten abgestimmt werden.


NICHT NUR EIN HABITAT, SONDERN EIN ZUHAUSE

Bis ein Aquarium vom wasserdichten Verbund aus Beton und Acrylglas zur maritimen Lebenswelt wird, vergeht ein Jahr. Zunächst wird das Aquarium mit Süßwasser befüllt, um die Dichtigkeit zu prüfen. Es folgen Reinigungsprozeduren mit speziellen Chemikalien, unter anderem Salzsäure – die bei den Betonelementen des Habitats als Puffersubstanz eingesetzt wird –, das Auffüllen mit Meerwasser und das Ansetzen von Bakterien, denen man einige Wochen Zeit zum Vermehren lassen muss. Erst danach können Fische und andere Tiere in das Aquarium eingesetzt werden, beginnend mit den kleinsten und friedlichsten Arten. Dann werden über einen Zeitraum von drei Monaten allmählich immer größere Arten eingesetzt, sodass sich die neuen Nachbarn aneinander gewöhnen können. Die Haie ziehen ganz zum Schluss ein. Sie werden in das Gebäude transportiert und von erfahrenen Tiertrainern und Tierärzten manuell in knietiefes Wasser gesetzt. Planung und Bau der neuen New Yorker Attraktion dauerten zehn Jahre, deutlich länger als erwartet. Die Verzögerung war auf den Hurrikan „Sandy“ zurückzuführen, der im Oktober 2012, kurz bevor der erste Spatenstich erfolgen sollte, zuschlug. „Sandy“ richtete große Schäden auf der Baustelle und an den bestehenden Gebäuden des New York Aquarium an. Um den Betrieb nach dem Hurrikan aufrechterhalten zu können, stellte Turner Logistics dringend benötigte Generatoren zur Verfügung. Zeit ging verloren, nicht nur wegen der Aufräumarbeiten, sondern auch, weil es erst einmal galt, die bestehende Tierwelt notzuversorgen. Die Tiere gehen im Aquarium immer vor. 

Sechs Jahre nach dem Monstersturm ist der gesamte Campus des New York Aquarium nun instandgesetzt. Es fällt Tony Juhas schwer, den spannendsten Moment seines Projekts zu benennen. „Es gab verschiedene Situationen“, grübelt er. „Das Einfügen der Acrylfenster. Das erste Befüllen mit Wasser und das Einsetzen der Fische, das waren alles wichtige Momente. Doch jetzt, seit der Eröffnung, denke ich, dass es am spannendsten war zu sehen, dass die Ausstellung Besuchern aller Altersstufen so viel Spaß macht. Da habe ich wirklich ein Gefühl der Zufriedenheit gespürt.“