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© Mike Henning

Innovation - Ein Interview mit David Koch

„HOCHTIEF WIRD IN ZUKUNFT EIN IT-BASIERTES BAUUNTERNEHMEN SEIN.“

Komplexe Gebäude und anspruchsvolle Ingenieurbauwerke sind schon lange nicht mehr denkbar, ohne dass Computer und Softwaremodelle bei Entwurf, Planung und Projektmanagement eingesetzt würden. Doch jetzt kommt die nächste digitale Revolution, und sie wird keinen Bereich der Bauindustrie unberührt lassen. Vom Management der Lieferkette über die Echtzeitüberwachung großer Baustellen bis zum Einsatz von Drohnen – der Alltag im Hoch- und Tiefbau wird sich in den kommenden Jahren erheblich verändern. Mit einer konzernweiten Initiative und einer eigenen Innovationsgesellschaft setzt HOCHTIEF jetzt verstärkt auf den Kurs Richtung Digitalisierung. Doch wo können künstliche Intelligenz, additive Produktion, Augmented Reality oder autonome Maschinen wirklich neue Möglichkeiten eröffnen? Und wie wird sich das für die Auftraggeber auszahlen? David Koch, Chief Risk, Organization and Innovation Officer, erläutert die Pläne von HOCHTIEF.

concepts Herr Koch, warum startet HOCHTIEF jetzt mit einer Initiative zur digitalen Transformation als wichtigem Teil der strategischen Transformation von HOCHTIEF?

David Koch Die Bauindustrie steht vor einer grundlegenden Neustrukturierung. Ebenso wie im Handel und anderen Industriezweigen werden neue technische Hilfsmittel auch bei uns zunehmend die Produkte, Dienstleistungen und Abläufe verändern. Die  enormen Chancen, die sich daraus ergeben, wollen wir nutzen.

concepts HOCHTIEF ist eine globale Gruppe von Unternehmen. Gibt es gemeinsame Entwicklungsanstrengungen?

Koch Die Technologie-Initiative wird im Verbund der Gruppen ACS, CIMIC und HOCHTIEF durchgeführt und bezieht alle Unternehmen beider Gruppen ein. Die Entwicklungen einzelner Anwendungsbeispiele werden, natürlich lokal angepasst, allen zugutekommen. Auch Best-Practice-Ansätze einzelner Unternehmen sollen innerhalb der Gruppen geteilt und bei Bedarf angewendet werden. Wir wollen HOCHTIEF von innen heraus zu einem noch leistungsfähigeren Unternehmen entwickeln. Dies wird ein konzernweiter Wandel sein, eine Transformation, die all unsere Geschäftsbereiche, Gesellschaften und Systeme betreffen wird. Wir setzen uns mit Technologien und Programmiermethoden auseinander, die einen ganz anderen Konzern erzeugen werden. HOCHTIEF wird in Zukunft ein IT- basiertes Bauunternehmen sein.

concepts Welche Vorteile erwartet HOCHTIEF vom Einsatz neuer Technologien?

Koch Der Einsatz digitaler Umgebungen – also von künstlicher Intelligenz, Automatisierung und vernetzten Geräten – wird die Qualität der Projektabwicklung verbessern und unsere Prozesse optimieren. Dadurch werden wir die operativen Risiken reduzieren und vor allem auch bessere Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter schaffen.

concepts Wie genau können neue Technologien „operative Risiken“ reduzieren? 

Koch Wenn unsere Entscheidungsfindung auf besseren Analysemethoden beruht und wir in der Lage sind, vorausschauende Entscheidungen auf Basis von Echtzeitdaten zu treffen, wird unser Geschäft deutlich sicherer und effizienter werden. Wir brauchen außerdem Systeme, die unsere Nachunternehmer und Zulieferer vollständig einbeziehen. Wir orientieren uns da an anderen Industrien, in denen vieles bereits automatisiert und optimiert ist. HOCHTIEF ist zwar ein Großkonzern, besteht aber gleichzeitig auch aus 1.000 Firmen. Jedes Projekt bildet eine eigene Einheit mit eigenem Personal, eigenen Verträgen, eigener Beschaffung und so weiter. 

concepts Welche Vorteile werden Auftraggeber aus der digitalen Transformation ziehen? 

Koch Um ein Beispiel zu nennen: Wir entwickeln gerade eine Software für die automatische Aufnahme von Erdbewegungen bei Linienbaustellen, mit der sich Erdarbeiten später auch optimieren lassen. Bislang muss unser geometrisches Team rausfahren, wenn ein Terrain zu vermessen ist, und Höhenlinien setzen. Ein enormer Aufwand. Mittlerweile gibt es eine spezielle Technik, bei der ein Laserstrahl ausgesendet und reflektiert wird. Die Zeitdifferenz gibt dann die geometrische Lokalisierung des Punktes an. Unser Ziel ist es, eines Tages daraus ein Realtime-Monitoring-System zu bauen, bei dem wir Konflikte sofort erkennen und schnell lösen können. Viele alltägliche Konflikte könnten dadurch vermieden werden. Alle, auch der Auftraggeber, erhielten eine enorme Transparenz.

concepts Wie weit geht denn das Szenario, an dem Sie arbeiten? Werden künftig Roboter für uns bauen?

Koch Viele stellen sich bei einem Roboter eine dem Menschen ähnelnde Figur mit Armen vor, die herumläuft. Ein Roboter kann aber jede Maschine sein, die intelligent gesteuert wird. Der erste Bereich, in dem wir schon in relativ kurzer Zeit teilautonome Baustellen sehen werden, dürften Linienbaustellen sein, also  Straßenbaustellen mit kilometerlangen Erdbewegungen. Dort werden selbstfahrende Maschinen die Arbeiten erledigen. Thiess in Australien ist der größte Minendienstleister der Welt und setzt bereits vollautomatische Vehikel ein. Am Steuer dieser Kipper sitzt niemand mehr. Diese Riesentrucks werden befüllt und fahren dann einfach vor und zurück. Alles ganz selbstständig. Trotzdem wird es immer spezielle Dinge geben, für die wir Handwerker benötigen. Aber die Arbeitsprofile werden sich verändern. Diese Entwicklung erfasst alle Industrien.

concepts Welcher internationale Markt wird zuerst die neuen technologischen Möglichkeiten nachfragen oder ermöglichen? Wo ist die Bereitschaft zu Innovation am deutlichsten erkennbar? 

Koch Die Verbreitung neuer technologischer Lösungen schreitet mit ungesehener Geschwindigkeit voran. In China können Sie in den Ballungszentren fast ausschließlich mit Ihrem Mobiltelefon bezahlen, Kreditkarten gelten als veraltet. In den USA wird das autonome Fahren in weitem Ausmaß getestet. In Europa ist man etwas zurückhaltender, arbeitet jedoch sehr gründlich an den Grundlagen zukünftiger Lösungen.