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© getty images/Sean Gallup/Staff

ABSCHIED VOM ATOM

Keine Bagger, keine Abrissbirnen, kein Dynamit. Das große Aufräumen in Deutschlands Kernkraftwerken geschieht in kleinen Paketen. Trotz Maschinen und Robotern ist es oft noch Handarbeit. Eine Aufgabe für Spezialisten.

Im Jahr 2000 vereinbarte die Bundesregierung mit den Energieversorgern den geregelten Ausstieg aus der Kernenergie. Damals deckten 19 Kernkraftwerke (KKW) etwa ein Drittel des Strombedarfs in Deutschland. In drei Jahren – 2022 – soll davon keines mehr laufen. Schon jetzt sind nur noch sieben dieser Kraftwerke in Betrieb, die anderen wurden bereits stillgelegt und zurückgebaut oder befinden sich im Abbau. Hier kommt Jürgen-Werner Imhof ins Spiel. Der Ingenieur ist Oberbauleiter des Bereichs Nuklear bei ­HOCHTIEF und betreut der­zeit Teile des Rückbaus von acht KKW in ganz Deutschland. An vier Standorten hat HOCHTIEF dauerhafte, an den restlichen Kraftwerken flexible Teams im Einsatz. Die meisten Mitarbeiter sind, wie er selbst, schon seit Jahrzehnten dabei: „Einer unserer Mitarbeiter hat dasselbe Kraftwerk auf­gebaut, das er jetzt vermutlich bis zu seiner Rente auch abbauen wird“, sagt Imhof. Ein Berufsleben, ein Kraftwerksleben. Die Identifikation der Ingenieure mit der Technik und mit „ihren“ Kraftwerken ist hoch. Sie sind Spezialisten mit Nachwuchssorgen. „Wir finden kaum neue, qualifizierte Mitarbeiter“, macht HOCHTIEF-Experte Imhof deutlich. Dabei gibt es noch viel zu tun, doch das Interesse der nachfolgenden Generationen an einer Technik mit Ablauf­datum fehlt. Deshalb verfolgen die Auftraggeber die Strategie des sofortigen Rückbaus, solange das Know-how und die Erfahrung der Mitarbeiter noch vorhanden sind. 

VON INNEN NACH AUSSEN

Der Rückbau der KKW wird die Ingenieure von HOCHTIEF noch für mindestens zwanzig Jahre beschäftigen, so die Schätzungen. Allein die Planung – HOCHTIEF hat zahlreiche Experten auch für Rückbauplanung in den eigenen Reihen und die entsprechenden Abbaugenehmigungen dauerten mehrere Jahre, sagt Mark Kritzmann, Leiter der entsprechenden Planungsgruppe: „Ein Standardkonzept gibt es nicht.“ Auch bei baugleichen Kraftwerken oder Reaktorgebäuden unterscheiden sich die Details durch den Bau und den Betrieb. Imhof: „Wer hier arbeitet, fängt an, jedes kleine Detail in seiner Konsequenz zu hinterfragen.“ Kein Rückbau mit der Abrissbirne also, dafür mit aufwendigen und belegbaren Messungen, Berechnungen und Dokumentationen. Der ganze Rückbau funktioniert von innen nach außen: der Reaktordruckbehälter aus circa 25 Zentimeter dickem Stahl, der bio­logische Schild und der Sicherheitsbehälter aus jeweils meterdickem Beton. Die meisten Bauteile werden in so kleine Teile zerschnitten, dass diese anschließend in eine etwa ein Kubikmeter große Gitterbox passen. Das klingt einfach, ist aber schon angesichts der Baumasse schwierig: Der biolo­gische Schild etwa ist ein Hohlzylinder aus rund zweieinhalb Meter dickem Beton. Mit Diamantwerkzeugen ausgestattet, in spezielle Sicherheitsanzüge gekleidet und auf engstem Raum zerlegen die Arbeiter den Hohlzylinder in Einzelteile. „Dafür brauchen sie etwa ein Jahr“, sagt Imhof. Dazu kommt die Strahlungsaktivität einiger Bauteile, die eine besonders aufwendige und sorgsame Arbeitsweise verlangt. Alle Bauteile werden auf Strahlung gemessen und radiologisch beprobt. Jede Ober­fläche und jede Fuge wird geprüft, Schraube für Schraube, Gitterbox für Gitter­box. Gab es Leckagen oder Verunreinigungen im Betrieb? Die Konsequenzen daraus entscheiden über Maßnahmen, Arbeitsgänge, Zeit und Kosten. Jede Gitterbox wird anschließend noch einmal gemessen: Liegen die Werte unter dem zulässigen Strahlungswert, dürfen die Baustoffe in den Kreislauf der Rohstoffe zurückwandern. „Wir nennen das ‚freimessen‘“, erklärt Imhof. Ansonsten landen die Teile auf einer zugelassenen Deponie oder eingeschlossen in massiven Behältern in einem Zwischenlager, je nach Strahlungswert. 

» EIN STANDARDKONZEPT GIBT ES NICHT. «

MARK KRITZMANN, LEITER PLANUNGSGRUPPE RÜCKBAU 

KÖRPERLICHE GRENZEN

Nach außen wirkt der Rückbau eines Atomkraftwerks unsichtbar und still. Im Innern jedoch wird auf engstem Raum über Jahre hinweg und unter Laborbedingungen gebohrt, geschnitten, geschliffen und gereinigt. Das Ziel ist es, kontaminiertes Mate­rial zu reinigen und den radioaktiven Abfall auf ein Minimum zu reduzieren. Die komplizierten Bedingungen bringen selbst erfahrene Techniker und Ingenieure manchmal an ihre körperlichen Grenzen. Trotz moderner Technik wie dem Oberflächenbehandlungssystem DECON oder der Schwerlastanker – beides Eigenentwicklungen made by HOCHTIEF. Für bestimmte Bereiche kommen fernhantierte Maschinen und sogar Roboter zum Einsatz. 

Auf diese Weise begegnen sich hier die großen Techniken von Zukunft und Vergangenheit, Robotik und Kernspaltung. In etwa zwei Jahrzehnten werden auf den meisten Arealen nur noch Hallen aus meterdickem Beton stehen, die Zwischenlager für radio­aktiven Abfall. Bis auch die verschwinden, wenn einmal ein Standort für die Endlagerung gefunden wurde. Dann aber werden Jürgen-Werner Imhof, Mark Kritzmann und ihre Kollegen wohl schon in Rente sein.