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Artenschutz beim Straßenbau

Zivilisation und Wildnis, Rück­besinnung und Fortschritt – manchmal sind selbst die größten Gegensätze nur einen Wildkatzensprung voneinander entfernt. Oder wie zwischen Wiesloch und Weinsberg: einen Haselmaus-Hüpfer. Denn am Rande von Baden-Württemberg wird seit 2017 auf fast 50 Kilometer Länge das viel be­fahrene Teilstück der A 6 zur europäischen Magis­trale 50 vom Atlantik ans Kaspische Meer erweitert. Es ist eine der größten Infrastruktur­maßnahmen im Land, die von HOCHTIEF in einer Arbeitsgemeinschaft umgesetzt wird.

Das Volumen des Ausbaus auf durchgehend sechs Fahrstreifen inklusive des neuen Neckartalübergangs beträgt rund 600 Mil­lio­nen Euro. Dafür bewegen Hunderte von Bauarbeitern zahlreicher Firmen Abertausende Kubikmeter Erdreich und verarbeiten ebenso viele Tonnen Stahl, Asphalt und Beton. Damit errichten sie 36 Brücken, vier Raststätten, 13 Kilometer Lärmschutz­wände sowie insgesamt knapp 80 Inge­nieur­bauwerke. Trotzdem hat man an einer der vielen Einzelbaustellen plötzlich das Gefühl, beim Entstehen einer Parkanlage im Grünen zuzusehen.

RAUM FÜR MEHR NATUR

Südwestlich des Neckarörtchens Offenau, wo die Autobahn allenfalls ein fernes Rauschen ist, zeigt die Projektgesellschaft ViA6West, an der HOCHTIEF PPP Solutions beteiligt ist, gemeinsam mit Bund, Land und Gemeinden, dass selbst noch so gewaltige Verkehrswegeverbesserungen ganz schön idyllisch sein können. Im Schatten des malerischen Bad Wimpfen, das hoch überm Neckar thront, riecht es bereits nach frisch gekeimtem Unkraut, und die Luft flirrt vor Insekten. Hier entsteht gerade ein Biotop von bezaubernder Beschaulichkeit.

Wo zuvor landwirtschaftliche Monokultur herrschte, wird der einstige Acker nun auf 40.000 Quadratmeter Fläche zum Rückzugsraum für Flora, Fauna und den Fluss Neckar. Letzterer benötigt für seine alljährlichen Hochwasser neue Überlaufflächen. „Jetzt kriegt der Neckar wieder Platz“, sagt Michael Endres, Leiter Kommunikation von ViA6West, und breitet stolz die Arme aus, als er mit Gummistiefeln im insektenumschwirrten Morast eines warmen Frühsommerregens steht. HOCHTIEF hat sich entschieden, für Großprojekte gemeinsam mit den jeweiligen Projektpartnern Kommunikationsprofis einzusetzen – „dies erhöht die Akzeptanz der Vorhaben vor Ort erheblich“, sagt HOCHTIEF-Manager Simon Dony, Geschäftsführer von ViA6West.

„Was an der Autobahnbaustelle dem Fortschritt weichen muss“, fügt ViA6West-Mann Endres hinzu, „wird hier schließlich mit echter Natur kompensiert.“ Am aufgewühlten Ufer gestalten seit April fünf große Bagger eine vier Fußballfelder große Fläche zum künstlichen Flussdelta um. Ein mehr als nur adäquater Ersatz für die Versiegelung, die durch den Bau einer gewaltigen Neckar­brücke entsteht. „Das hier ist eine echte Aufwertung“, so Michael Endres. Und die lässt sich trotz des schweren Geräts im fruchtbaren Boden bereits erkennen, wenn sich das uralte Bestandsgehölz mit frischen Schwarzpappeln im Regenwasser spiegelt. Bereits im Herbst 2019 wird das Neckarwasser hier baumbestandene Inseln mit 1.430 Neupflanzungen aller Art umspülen – begrünt durch Landschaftsarchitekten, besiedelt von Tieren, gesperrt für Menschen. „Hier können sich die Naturschutzbehörden richtig verwirklichen“, meint Endres über die Wildnis, in die der Fluss künftig wieder übertreten darf.

 » WAS AN DER AUTOBAHN DEM FORTSCHRITT WEICHEN MUSS, WIRD MIT ECHTER NATUR KOMPENSIERT.  «

MICHAEL ENDRES, VIA6WEST

SORGFÄLTIGE PLANUNGEN

Ausgleichsmaßnahmen für Infrastrukturprojekte bestehen nicht nur aus großen ­Flächen, die naturnah umgestaltet werden. Teilweise noch entscheidender sind die ­kleinen Verbesserungen, die einzelnen, geschützten Arten zugutekommen. Vorkommen von Haselmäusen, Turmfalken, Zaun­eidechsen oder Fledermäusen haben schon etliche Verkehrsvorhaben verzögert. Auf der Baustelle der Neckarlinie Mannheim–Heilbronn wurde für den Artenschutz so manche Schicht verschoben. „Jeweils fünf Winterschlaf- und Nistzeiten verschiedenster Arten müssen über die gesamte Bauzeit berücksichtigt werden“, sagt der ViA6West-Mann und runzelt kämpferisch die Stirn: „Das ist für unsere Planungen schon oft sportlich.“ Unmöglich jedoch war es nicht. Denn an welchem Bauabschnitt auch immer Rücksicht auf tierische Bewohner geboten war – stets gab es Lösungen. 

Das gilt auch für die Sicherung von Lebensräumen. Gut fünfzigmal kennzeichnen Schilder mit dem Aufdruck „Artenschutzrechtliche Ausgleichsflächen“ entsprechende Areale entlang der A6. Das Grundrauschen von durchschnittlich 100.000 Fahrzeugen pro Tag ist zwar auch im „Ohr“ genannten Flurstück einer Abfahrt nach Sinsheim unüberhörbar. Doch wo ViA6West bisher noch schweres Gerät und Böden zwischenlagert, bläst ein warmer Wind bereits durch blühenden Wildwuchs und belegt: Die Natur findet ihren Weg. Wenngleich mit etwas Hilfe der Zivilisation. Ein kniehoher Zaun hält Reptilien vom Verkehr fern und bietet ihnen zugleich ein Refugium im Meer sprießenden Gestrüpps. Einen Meter höher hängt ein „Luxusapartment“, wie Michael Endres geräumige Kästen mit baumseitigem Eingang für Haselmäuse nennt, die hier nun heimisch bleiben. Überall beginnt es wieder so zu krabbeln und zu fliegen, flattern und schwirren, als würde sich nur einen Steinwurf entfernt kein Feierabendverkehr über den neuen Asphalt wälzen. Eigens drapierte Stein- und Holzhaufen bieten fortan Rückzugsorte für Echsen, Nager, Insekten und Vögel, die es ohne solche Eingriffe sonst schwer hätten. Und zwar nicht nur in der „badischen Toskana“, sondern überall, wo Infrastrukturmaßnahmen Land versiegeln.

ERFOLG FÜR DIE WILDKATZE

Ob und wie sich Ausgleichsmaßnahmen erfolgreich entwickeln, kann in der Regel erst nach Jahren beurteilt werden. Zum Beispiel an der hessisch-thüringischen Landesgrenze bei Eisenach. Dort hatte HOCHTIEF mit Partnern vor elf Jahren die Autobahn 4 aufwendig versetzt. Dabei wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die scheue und äußerst selten gewordene Wildkatze in ein renaturiertes Gebiet zu locken. Autobahndurchlässe, artgerechte Pflanzungen, Leitzäune – und siehe da: „Das Tier ist zwar schwer auszumachen“, sagt der damalige Geschäftsführer der Projektgesellschaft, Alexander Neumann. „Aber die Umweltprofis vom BUND haben angeblich schon ein paar Populationen gesichtet.“ 

Mehr noch: Dank der Ausgleichsmaßnahme fühlten sich plötzlich auch ortsfremde Pflanzen wie das dänische Löffelkraut wohl in einer Gegend, die zuvor buchstäblich vom Verkehr gespalten war. Der Grund für die Ansiedlung ist der salzhaltige Boden durch den Winterdienst auf der Autobahn. Auch darum fährt Neumann noch immer regelmä­ßig von seinem Arbeitsplatz in den Niederlanden zur alten Wirkungsstätte und ist „je­des Mal begeistert, wie sich die Natur den Thüringer Wald zurückerobert hat“. Womöglich macht er auf dem Hinweg auch mal einen Abstecher zu den Aufforstungsgebieten bei Bremerhaven. Damit hatte ein Konsortium um HOCHTIEF praktisch zeitgleich den Ausbau des dortigen Containerterminals kompensiert, für den in einer logistischen Meisterleistung das ökologisch bedeutsame Wedde­warder Tief verlegt ­werden musste, über das weite Landstriche im Hinterland entwässert werden.

Wo auch immer die hoch mobile Konsum­gesellschaft ihren Tribut fordert, so zeigen diese drei Beispiele, wird die Natur nach Kräften entschädigt. Was für Fortschrittsgläubige rasch nach Liebhaberei für Öko­freaks klingt, sehen Fachleute wie Michael Endres allerdings längst nicht mehr als Akt von Tier- und Pflanzenliebe. Im Gegenteil „Alles, was gerade an der A 6 passiert“, betont er, „dient auch der Region und ihren Bewohnern.“ Die durchgehende Erweiterung auf sechs Fahrstreifen werde „das Stau- und Unfallaufkommen radikal reduzieren“, freut sich auch Sinsheims Oberbürger­meister Jörg Albrecht aufrichtig über die laufende Großbaustelle in seiner Gemeinde (siehe Interview). Weniger Stillstand verringert überdies die Schadstoffemissionen – vom Schall ganz zu schweigen, der die Anwohner dank leistungsstarker Schutzwände und offenporigem Asphalt auf ähnlicher Distanz massiv vom Lärm entlastet. Hinzu kommt: Mehr als ein Drittel der verwendeten Baustoffe für den Asphaltbau besteht aus Recyclingmaterial alter Fahrbahnen, wie der technische Gesamtprojektleiter von HOCHTIEF, Wadim Strangfeld, betont. Aus Sicht des Ingenieurs gelingt ent­lang der A 6 ein Ausgleich von Interessenkonflikten – auch durch das Prinzip der Öffentlich-Privaten Partnerschaft (ÖPP).

SCHNELLER REAGIEREN

HOCHTIEF ist bereits an einer Vielzahl von ÖPP-Projekten im In- und Ausland beteiligt. Und HOCHTIEF-Manager Simon Dony, Geschäftsführer von ViA6West, weiß auch, warum es immer mehr werden: „Weil wir quasi Auftraggeber und Auftragnehmer in einem sind, werden Reibungsverluste verhindert.“ Während etwa der Staat stets nur abschnittsweise baut, ergänzt ÖPP-Experte Gerald Hauke von HOCHTIEF PPP Solutions, „können wir unser Personal ständig von Baustelle zu Baustelle verschieben und einfach weitermachen“. Natürlich kommt es auch bei der Auslagerung hoheitlicher Aufgaben zu Überraschungen. Einem Unfallstau ist es zunächst egal, ob die Ursache an einer öffentlich oder privat errichteten Absperrung erfolgt. Aber ÖPP, meint Hauke, „kann flexibler darauf reagieren“. Und somit das einsparen, was in der Hektik unserer Zeit pures Gold ist: Zeit. Bei circa 30.000 Schwertransportern, mit denen unter anderem die Global Player im Ländle angesteuert werden, weiß er genau, was die Leute vor Ort sagen: „Macht! Aber macht schnell!“ Und es wird schnell gemacht.

In den ersten zwei Jahren, berichtet Wadim Strangfeld, habe praktisch jedes Vorhaben im Plan gelegen. Insbesondere auch das Schlüsselobjekt der neuen Neckartalbrücke. So etwas sorgt zusammen mit der Tat­sache, dass fast alle beteiligten Nachunternehmer beim Ausbau der A 6 aus der Region stammen, für große Akzeptanz in der Nachbarschaft. Eine Akzeptanz, die durch Ausgleichs- und Artenschutzmaßnahmen eher noch steigen dürfte. Wer beobachtet, wie Schafe im Bereich der Regenrückhaltebecken der A 6 weiden und dank ihrer Fähigkeit, holziges Gestrüpp zu entfernen, den Rasenmäher ersetzen, wer Wildblumenwiesen am tosenden Alltags­verkehr gedeihen sieht und beim Blick durch einen Fledermaustunnel nahe Dielheim meint, ein Gemälde von Caspar David Friedrich vor sich zu haben, der erkennt: Zivilisation und Wildnis, Rückbesinnung und Fortschritt – bei gut geplanten Infra­strukturmaßnahmen sind das keine unauflösbaren Gegensätze mehr.