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© Susanne Wegner

INTERVIEW MIT JÖRG ALBRECHT

Die Erweiterung der Autobahn A 6 ist eine der größten Infrastrukturmaßnahmen im Süden Deutschlands. Angelegt als Öffentlich-Private Partnerschaft (ÖPP) beseitigt das Projekt ein berüchtigtes Nadelöhr für den Autoverkehr. Jörg Albrecht, Oberbürgermeister der Anliegergemeinde Sinsheim, erläutert im Gespräch mit concepts-Reporter Jan Freitag, wie wichtig die Autobahnerweiterung und die damit verbundenen ökologischen Ausgleichsmaßnahmen für seine Stadt sind.

concepts Herr Oberbürgermeister Albrecht, was bringt der Ausbau der A 6 zur drei­spurigen Europastraße 50 für die Stadt Sinsheim, aber auch den Landkreis und das Land Baden-Württemberg?

Jörg Albrecht Die wichtigste Verbesserung für die Stadt im Besonderen und das Land im Allgemeinen besteht darin, die ungeheure Verkehrsbelastung mit einhergehenden Unfällen, Staus und Umleitungen zu mindern und dadurch auch unsere Feuerwehren zu entlasten. Insofern haben wir lange, lange auf diese Maßnahme gewartet und sind froh, wenn sie beendet ist.

concepts Führt das über die Verbesserung des fließenden Verkehrs hinaus zu einer Aufwertung der Region im Ganzen?

Albrecht Unbedingt. Gerade Sinsheim ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass Verkehrs­infra­struktur wirtschaftlich von Nutzen ist. Je ­besser die Anbindung, desto mehr Unternehmen siedeln sich an. Die Ausfahrt Sinsheim-Süd zum Beispiel war im Grunde der Startschuss für die Fußballarena der TSG 1899 Hoffenheim und den Bau der „Badewelt“ …

concepts des größten Erlebnisbads Baden-Württembergs …

Albrecht … wodurch die Region auch ­touristisch interessanter wird. Das Gleiche gilt im Übrigen für das Errichten von Lärmschutzwänden. Mehr als 13 zusätzliche Kilometer sorgen da gemeinsam mit lärmminderndem Asphalt für eine enorme Steigerung der Lebensqualität vieler Anwohner. Das begrüßen wir ebenso wie die optische Gestaltung. Die erfolgt nämlich nicht immer nur nach dem Prinzip billig, billiger, am billigsten, sondern bedarfsgerecht.

concepts Ist das aus Ihrer Sicht Resultat der Projektrealisierung als Öffentlich-Private Partnerschaft?

Albrecht Ich denke schon. Durch dessen Ausschreibungsmodalitäten sind zudem mehr mittelständische Firmen aus der Region am Bau beteiligt. Aber auch ortsfremde Unternehmen machen sich in steigenden Übernachtungszahlen und Einzelhandelsumsätzen ökonomisch bemerkbar. All das bedeutet letztlich Wachstum.

concepts Bringt die Realisierung im Rahmen der ÖPP darüber hinaus Vorteile für den Standort?

Albrecht Ja. Dafür, dass wir mit der Baustelle bis auf die räumliche Nähe organisatorisch wie rechtlich nahezu nichts zu tun haben, werden wir unfassbar gut in alle ­Prozesse eingebunden – fast als wären wir der Bauherr, nicht der Bund. Wir werden über praktisch jeden Entwicklungsschritt umfassend informiert. Diesen Anspruch hätten wir von uns aus nicht mal zu formulieren gewagt. Ich hatte bei öffentlichen Bauvorhaben noch nie so viele Verantwortliche bei mir am Tisch, die freiwillig umfassend Auskunft über den Stand der Dinge erteilt haben. Da merkt man definitiv den Unterschied zwischen ÖPP und rein staatlichen oder rein privaten Baumaßnahmen. Und diese Erkenntnisse kann ich eins zu eins an die Bevölkerung weitergeben.

concepts … an eine Bevölkerung, die sowohl privatwirtschaftlicher Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben als auch derartigen Großbaustellen teilweise kritisch gegenübersteht. Ist da ein Zuwachs an Akzeptanz zu spüren?

Albrecht Auf jeden Fall, die Akzeptanz ist un­gemein hoch. Allein schon, weil wir den Ausbau seit mindestens zehn Jahren sehnsüchtig erwarten. Die meisten Leute sehen bei Baggern zwar nicht, wer sie dort hingestellt hat, sondern zunächst mal nur, ob sie sich auch bewegen. Aber dass sie dies eigentlich permanent tun, wissen viele Menschen ebenso zu schätzen wie die Tatsache, dass ihre Beeinträchtigungen trotz 100.000 Fahrzeugen pro Tag minimal sind. Dass es im Zuge der Spurverengungen im Baustellen­bereich zu Unfällen kommt, schreiben die Menschen eher der Unachtsamkeit zu, und die Baustelle ist ja nur temporär. Die Maßnahme tut allen gut.

concepts Dank diverser Umweltschutz- und Ausgleichsmaßnahmen ja auch der Natur

Albrecht Wir als Stadt wünschen uns nachhaltige Maßnahmen zum Wohle der Umwelt. Schließlich ist die gerade für unsere Region ungemein wichtig. Wobei auch da entscheidend ist, dass die Ausgleichs- und Schutzmaßnahmen zügig, zeitnah und planmäßig durchgeführt werden – schon damit die Bevölkerung registriert, wie ernst Naturschutz genommen wird, ohne die Infrastrukturmaßnahme zu verzögern.

concepts Auch weil Naturschutz und Ausgleichsmaßnahmen für mehr Lebensqualität sorgen?

Albrecht Unbedingt. Wobei wir hier im Kraichgau den großen Vorteil haben, dank unserer vielfältigen Natur im Grunde eine einzige Ausgleichsmaßnahme zu sein. Trotzdem wird sie durch ökologisch hochwertige und optisch ansehnliche Autobahnrandbepflanzungen oder Biotope für den Artenschutz nochmals aufgewertet. Der profitiert übrigens auch vom geringeren Stauaufkommen, also weniger Emissionen – etwa im Berufspendelverkehr oder vor und nach Bundesligaspielen.

concepts Wenn 30.000 Menschen gleich­zeitig kommen und gehen.

Albrecht Die atmen natürlich alle buch­stäblich auf. 

Das Projekt ⇨  Das ÖPP-Projekt Via6West erneuert und erweitert die A 6 auf einer Länge von 47,2 Kilometern zwischen der Anschlussstelle Wiesloch/Rauenberg und dem Autobahn­kreuz Weinsberg bei laufendem Verkehr auf sechs Spuren. Zusätzlich werden 79 Ingenieur­bauwerke wie Über- und Unterführungen ­sowie eine neue Brücke über den Fluss Neckar errichtet. Die Vertragsstrecke wird anschließend über einen Zeitraum von 30 Jahren ­privat betrieben und unterhalten. Realisiert wird das Vorhaben von einer Projektgesellschaft der Unter­nehmen HOCHTIEF PPP Solutions, Johann Bunte Bauunter­nehmung und DIF; HOCHTIEF Infrastructure ist zudem Teil der Bauarbeitsgemeinschaft.

Jörg Albrecht ⇨ Der 51-jährige Diplom-Verwaltungswirt ist seit 2012 Oberbürgermeister der Stadt Sinsheim. Albrecht ist für die CDU auch Mitglied im Kreistag des Rhein-Neckar Kreises. Bei der Kreistagswahl 2019 erhielt er unter allen beteiligten Kandidaten die meisten Stimmen.