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02 | 2020
9/12
© Stadt AN

Das Netz wächst weiter

Nürnberg ist die einzige deutsche Stadt, in der U-Bahn-Züge ohne Fahrer unterwegs sind. HOCHTIEF hat bereits mehrere Abschnitte des U-Bahn-Netzes gebaut und auch den Zuschlag für die jüngste Ausbaustufe erhalten: eine gut zwei Kilometer lange Verlängerung der U3 im Südwesten der Stadt.

Der erste Rammschlag eines neuen U-Bahn-Projekts ist normalerweise ein Grund zum Feiern. Im süddeutschen Nürnberg musste das mit hochrangigen Gästen aus der Politik geplante Event allerdings aufgrund der Coronapandemie ausfallen. Die Baustelle startete trotzdem. Sie umfasst zwei neue U-Bahnhöfe sowie Tunnelstrecken, die teils in bergmännischer, teils in offener Bauweise errichtet werden. 106 Millionen Euro kosten die Rohbauarbeiten, für die eine Arbeitsgemeinschaft unter technischer Federführung von HOCHTIEF von der Stadt Nürnberg den Zuschlag erhalten hat. Adrian Diaconu, Niederlassungsleiter der Südost-Region von HOCHTIEF Infrastructure, hofft, die Politiker bei anderer Gelegenheit begrüßen zu dürfen. Zum Beispiel bei der Anschlagfeier, wenn am künftigen Endbahnhof der Linie U3 bei Schweinau die sogenannte Brillenwand steht und der schwierigste Abschnitt beginnt: der Bau von zwei 600 Meter langen Tunneln, die eingleisig unter dem Main-Donau-Kanal Richtung Stadtzentrum führen. 

An der tiefsten Stelle unter dem Kanal werden die U-Bahn-Schienen etwa 19 Meter unter der Wasseroberfläche liegen. An anderen Stellen des neuen Streckenabschnitts werden es dagegen nur rund sechs Meter sein. Der 52-jährige gebürtige Rumäne lebt schon sein halbes Leben in Deutschland und arbeitet fast genauso lange bei HOCHTIEF. 2001 schickte ihn das Unternehmen zum ersten Mal nach Nürnberg. Damals habe er sich in die Stadt verliebt, erzählt der Bauingenieur.  2007 zog er mit seiner Frau von Frankfurt am Main in die Frankenmetropole. Hier betreute er weitere U-Bahn-Aufträge, erst als Bau-, dann als Projektleiter. Als Niederlassungsleiter ist er heute für Projekte in ganz Bayern und darüber hinaus zuständig. Über ein Heimspiel in Nürnberg freut er sich dennoch besonders. „Wenn meine Töchter U-Bahn fahren, wissen sie: Diesen U-Bahnhof hat der Papa gebaut.“ Der HOCHTIEF-Ingenieur war schon für den Bau von etwa vier Kilometern des Nürnberger U-Bahn-Netzes und fünf U-Bahnhöfe verantwortlich. Bei einer Gesamtlänge von knapp 40 Kilometern mit 49 U-Bahnhöfen sind das circa zehn Prozent. Davon kenne er jeden Meter Tunnel, sagt Diaconu stolz. Wenn das neueste Projekt in drei Jahren abgeschlossen ist, werden es gut zwei Kilometer und zwei Bahnhöfe mehr sein. Seine Faszination für den Tunnelbau beschreibt er so: „Mit jedem Meter, den du gräbst, stehst du an einer Stelle Erde, wo noch niemand vorher war.“ In Nürnberg besteht diese Erde überwiegend aus gelbrotem Sandstein. Solange dieser dicht gepresst im Boden ist, ist er fest wie Stein. Ab dem Moment, in dem Fräsen ihn zermahlen und er in Kontakt mit Wasser kommt, verwandelt er sich in Schlamm. „Das zu bewältigen ist eine besondere Herausforderung im Tunnelbau“, sagt Diaconu. Einmal stießen seine Leute auf einen mit Schlamm gefüllten Trichter, den sie vereisen mussten. Ob er von einem alten Fundament stammte oder von einer Bombe, wisse er nicht, sagt der HOCHTIEF-Ingenieur. Bomben hätten seine Leute aber noch nicht gefunden – ein seltenes Glück bei Bauvorhaben in der zweitgrößten Stadt Bayerns, die im Zweiten Weltkrieg ein Hauptziel alliierter Luftangriffe war.

Für den Bau eines Tunnels macht es zwar keinen Unterschied aus, ob später eine U-Bahn mit oder ohne Fahrer durchrollt, stolz dürfen die Tunnelbauer angesichts der bundesweiten Bekanntheit der U2 und der U3 dennoch sein. Nürnberg ist nicht nur die kleinste deutsche Stadt mit einem U-Bahn-Netz, sie ist auch bis heute die einzige mit zwei fahrerlosen Linien. Als die „Geisterbahn“ 2008 ihren regulären Betrieb aufnahm, waren einige Nürnberger kritisch, manche hatten sogar Angst. Heute ist dergleichen nicht mehr zu hören. Fast immer drücken Kinder und Touristen ihre Nase gegen die Frontscheibe und blicken in den dunklen Tunnel vor ihnen. Von 2025 an soll die fahrerlose U-Bahn dann auch zum südwestlichsten Zipfels Nürnbergs rollen. Dorthin, wo es mit Wiesen, Feldern und Einfamilienhäusern bislang eher ländlich anmutet. Bauingenieur Diaconu geht jedoch davon aus, dass dies nicht so bleiben wird: „Erst kommt die U-Bahn, dann die Bebauung. Das ist ideal.“