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02 | 2020
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© Studio ThirtyThree Pty LTD

Krankenhäuser – komplex und emotional

„Drei Dinge sind anders, wenn man Krankenhäuser baut“, hat Randy Keiser in den 39 Jahren gelernt, in denen er Kliniken für die HOCHTIEF-Tochter Turner Construction baut. Mittlerweile ist der Mann aus Nashville, Tennessee, Vice President und verantwortet den Bereich Healthcare, in dem Turner seit 20 Jahren Marktführer in den USA ist. „70 bis 75 Prozent unserer Projekte finden bei laufendem Krankenhausbetrieb statt, der auf keinen Fall gestört werden darf. Man muss sehr unauffällig und leise bauen. Hinzu kommt die hohe Komplexität der Gebäude.

Vor allem aber ist es etwas Besonderes, Orte zu bauen, an denen Menschenleben gerettet werden sollen.“ Diskretion, Komplexität und Demut diese Begriffe fallen oft, wenn man mit Krankenhaus­-Bauprofis spricht. Turner hat gerade drei Kliniken in New York City fertiggestellt, die jeweils über eine Milliarde US-Dollar gekostet haben. Mit mehr als 10.000 Dollar pro Quadratmeter, so verrät Keiser, gehören Kliniken zu den teuersten Gebäuden der Welt.

ALLES KOMPLEXER

Was Hospitäler so aufwendig macht, kann auch Anthony Armstrong erklären. Er baut seit 22 Jahren Kliniken für die HOCHTIEF-Tochter CIMIC  im australischen Sydney und in der Region New South Wales: „Isolierstationen, auf denen leichter Unterdruck herrscht, Medizinalgase, komplexe Luftfiltersysteme, Leitungen für medizinischen Sauerstoff, Krebsstationen, wo man es mit radioaktiven Therapien zu tun hat.“ Die Liste der Besonderheiten in Krankenhäusern ist lang. In ihnen herrscht mehr „Leben“ hinter Wänden, Decken und Böden als in gewöhnlichen Gebäuden. Raumklimaregulierung, Rohrpostanlagen, Strahlenschutz, Notbetriebssysteme bei Stromausfall – hinter den Kulissen der Hospitäler ist alles komplexer als anderswo. Hinzu kommen die anspruchsvollen Abläufe des Krankenhausbetriebs selbst, bei denen ein Rädchen ins andere greifen muss, um Menschen in hoch kritischen Lebenssituationen zu helfen.

Rund um den Krankenhausbau sorgt ein Netz von Spezialisten dafür, dass die Hochtechnologiemedizin der Gegenwart den Raum bekommt, den sie benötigt. Neben Architekten und Ausführenden vom Bau gehören dazu auch spezialisierte Krankenhausplaner. „Sie verstehen die Arbeit der Mediziner vor Ort und können mit Ärzten und Pflegepersonal detailliert über die Bedürfnisse des Krankenhauses reden“, sagt Gaby Ehrhardt, die für die  HOCHTIEF IKS Schweiz AG die Termin- und Baulogistikplanung beim Um- und Neubau des Inselspitals Bern verantwortet. Es ist das größte Klinikprojekt in der Schweiz seit vielen Jahren. Über insgesamt 180 000 Quadratmeter erstreckt sich dieses Berner Krankenhaus-Stadtquartier, das unter anderem bis 2025 ein neues Zentralgebäude bekommt. Bei der anspruchsvollen Planung hilft Building Information Modeling (BIM), eine Methode, die der Architekt und BIM-Manager Frank Albrecht für den Auftraggeber, die Planergemeinschaft Archipel, anwendet. Mit BIM verschwinden Aktenordner und Zettelwirtschaft im Planungsprozess und von der Baustelle. Auf Basis von 3-D-Modellen entstehen digitale Zwillinge der Gebäude im Rechner, die von Auftraggebern, Bauprofis und künftigen Nutzern bereits in der Planungs- und Errichtungsphase virtuell begangen und bei Bedarf modifiziert werden können. Die Projektsteuerung per BIM durch die Spezialisten von HOCHTIEF ist ein Leuchtturmprojekt für die Schweiz. Zum ersten Mal wird hier auf diese Weise ein Bau dieser Größenordnung geplant und gesteuert. In wenigen Jahren soll BIM in der Schweiz verpflichtend für jedes Krankenhausprojekt sein.

WIRKUNGEN DER PANDEMIE

Welche Entwicklungen zeichnen sich darüber hinaus für Klinikbauten ab? „Die Babyboomer-Generation kommt in die Jahre“, sagt Randy Keiser. „Trotzdem gibt es kaum Bedarf für mehr Betten, sondern eher für hoch spezialisierte Kliniken mit modernen Behandlungsmethoden. Zudem werden immer mehr anspruchsvolle Gesundheitsleistungen ambulant verordnet. Das hinterlässt Spuren in der Krankenhausarchitektur.“ Covid-19 wird die Klinikbauten der Zukunft ebenfalls verändern. Im Sinne des Social Distancing müssen Wartebereiche, Kantinen oder Aufzüge großzügiger gestaltet werden. Auch Telemedizin, glaubt Randy Keiser, werde massiv an Bedeutung gewinnen. Während der Pandemie, die Amerika nicht zuletzt mit einer verheerenden Arbeitslosenwelle überrollte, konnte Keiser sein Team übrigens zusammenhalten: „Wir haben rund 30 Projekte im Auftragswert von etwa 300 Millionen US-Dollar innerhalb von 60 Tagen umgesetzt. Das waren vor allem Umbauten oder Neubauten für Covid-Projekte. Viele Notfallbetten waren darunter, aber auch Testeinrichtungen. Es war ein wichtiger Rettungsanker für uns, weil viele andere Projekte pausieren mussten. So konnten die meisten unserer Arbeitskräfte weiter eingesetzt werden.“ Das Beeindruckendste, was der Turner-Manager in seiner langen Laufbahn gesehen hat, war allerdings ein Job, den seine Leute auf dem Campus der Stony Brook University in New York City erledigten: In einer Rekordzeit von 24 Tagen – inklusive Planung – entstand dort ein Covid-Krankenhaus mit 1039 Betten. An dem 155-Millionen-US-Dollar-Job arbeiteten jeden Tag 1000 Mitarbeiter. Notkrankenhäuser zu bauen ist kein Job von der Stange. In Krisenzeiten wird dies besonders deutlich. Doch dank ihrer Erfahrung konnten Turner-Teams in New York und vielen anderen Orten der USA in kürzester Zeit insgesamt 4000 zusätzliche Betten für Pandemieopfer bereitstellen.