concepts
02 | 2020
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Interview mit Reiner Nagel

„Geist und Maß, Sinn und Form“

Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, ist davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft sehr wichtig für die Gesellschaft ist. Im Gespräch mit concepts-Chefredakteur Torsten Meise fordert der Architekt und Stadtplaner den Einsatz digitaler Technologien, neue Planungsprozesse und mehr Engagement für qualitativ gute Gestaltung.

conceptsHerr Nagel, was macht eine Stiftung zum Thema „Baukultur“? Es klingt ein wenig nach Denkmalpflege.

Reiner NagelViele Menschen verbinden den Begriff Baukultur tatsächlich allein mit ästhetischen Fragen, mit alten Gebäuden und Denkmalpflege. Das gehört natürlich auch dazu, ist aber nur ein Teil unserer Arbeit. Generell kann man sagen: Wir wollen die Qualität der gebauten Umwelt voranbringen. Dafür betrachten wir den gesamten Teil des Planens und Bauens, auch Technologien und Planungsprozesse. Das Ziel der Stiftung ist es, die Qualität des Planens und Bauens in Deutschland zu thematisieren, Akteure zusammenzubringen und für Unterstützung zu werben. Das ist nicht zuletzt auch ein Standortthema für Deutschland, denn qualitätsvolle Ingenieurbaukunst zu planen und zu errichten ist immer noch eine unserer Stärken.

conceptsIst auch Nachhaltigkeit ein Aspekt von Baukultur?

Reiner NagelJa, auf jeden Fall. Baukultur ist die Summe der Leistungen, die der Mensch aufbringt, um die Umwelt aktiv zu gestalten. Das betrifft alle gebauten Orte, auch Kulturlandschaften. Baukultur ist für uns deshalb durchaus ein Synonym für Nachhaltigkeit. Sie umfasst aber nicht nur ökologische Aspekte, sondern ist umfassender definiert. Baukulturelle Nachhaltigkeit beinhaltet auch das Ergebnis gestalteter Räume und den Prozess, also die Frage: Wie kommt man dahin?

conceptsSie verfolgen also eher einen ganzheitlichen Begriff von Nachhaltigkeit?

Reiner NagelWir stehen für eine systemische Betrachtungsweise. Ein Beispiel: Ein Hochregallager auf der grünen Wiese, für einen großen Versandhändler, kann als Gebäude durchaus unter Nachhaltigkeitsaspekten geplant, gebaut und zertifiziert sein. Und doch kann es als räumlicher Monolith ein unverdauliches Element in der Landschaft darstellen. Es wird auch mit Blick auf den Erhalt unserer städtischen Strukturen mit ihren Einkaufsmöglichkeiten nicht nachhaltig sein.

conceptsWie wichtig ist Nachhaltigkeit im Bereich Planen und Bauen für die Gesellschaft? Immerhin werden rund zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts für Baumaßnahmen verwendet, etwa 370 Milliarden Euro.

Reiner NagelWenn man die Immobilienwirtschaft dazurechnet, liegt das Volumen sogar bei 540 Milliarden. Wir reden allein in Deutschland von vier Millionen Akteuren rund ums Bauen, von den Planern über die Bauträger bis zur Baustoffindustrie und zum Baugewerbe. Das sind etwa fünfmal so viele wie in der Automobilindustrie.

conceptsDie viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Reiner NagelRichtig. Weil die Baubranche viel kleinteiliger strukturiert ist, schafft sie es im Vergleich zu den Automobilkonzernen nicht annähernd so gut, sich bemerkbar zu machen. Ich habe noch eine weitere Zahl: 84 Prozent unseres Volksvermögens stecken in Immobilien. Auch Renten und Aktien sind zu einem bedeutenden Teil in Immobilienwerten gebunden. Baukultur, und damit auch Nachhaltigkeit in diesem Bereich, geht uns deshalb alle an und kann eine große gesellschaftliche Wirkung erzielen.

conceptsMüssen wir noch stärker auf nachhaltige Zertifizierungssysteme zurückgreifen?

Reiner NagelZertifizierungen bilden zunächst ökologische Bilanzierungsrechnungen ab. Wir können aber nicht nur Checklisten führen, sondern müssen auch emotional überzeugende, schöne Gebäude errichten. Geist und Maß, Sinn und Form müssen zusammenkommen, sonst endet das in Gestaltungsarmut. Die Gestaltqualität spielt eine wichtige Rolle. Die DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) hat für Objekte, die auch gestalterisch überzeugen, den Diamanten für Gestaltung und Baukultur als Auszeichnung entwickelt.

conceptsKann oder sollte die Digitalisierung des Baugewerbes auch zum Treiber von Nachhaltigkeit werden?

Reiner NagelDigitalisierung kann Nachhaltigkeit im besten Sinne befördern und muss zwingend kompatibel gemacht werden mit Baukultur. Digitalisierung hat dabei viele Gesichter, sie kann Lowtech-­Gebäude ermöglichen, Prozesse optimieren, die Betrachtung von Lebenszyklen erleichtern. Wir können beispielsweise Cradle­-to­-Cradle-Konzepte – ein Ansatz für eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft – besser umsetzen oder bekommen Aufschluss über die CO2-­Konsequenzen des Bauens. Beim Thema energetische Optimierung können wir dann stärker an CO2-Neutralität denken, nicht nur an Wärmekoeffizienten. Und Digitalisierung ist schließlich auch die Chance, Gebäude technisch so zu optimieren, dass Baustoffe gespart werden können oder das Zusammenwirken von Konstruktion und Materialien verbessert wird.

conceptsBenötigen wir dafür auch andere Planungsmodelle, die alle Beteiligten früher an einen Tisch bringen, um Ziele eines Projekts abzustimmen und besser umzusetzen?

Reiner NagelAuf jeden Fall. Dank Building Information Modeling beispielsweise lässt sich heute ja schon frühzeitig erkennen, wie ein Bauwerk einmal aussehen wird. Das war bislang erst recht spät im Planungsprozess möglich – und dann steht da plötzlich eine ziemlich klobige Brücke. Das lässt sich jetzt vermeiden. Im digitalisierten Prozess kann man auf Knopfdruck eine Simulation erstellen – und alle Akteure können darüber ins Gespräch kommen, auch Laien. Verändern wird sich ebenfalls das System der Trennung von Planung und Ausführung, das für Architekten und Ingenieure maßgeblich ist. Da werden wir zu anderen Compliance-­Regeln kommen müssen. Wir arbeiten gerade an einem „Kodex Baukultur“ für die Immobilienwirtschaft, wo wir die gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt rücken. Diese Diskussion muss jetzt geführt werden, denn die Realität ändert sich hier rasant.

REINER NAGEL
Der Architekt und Stadtplaner hat in Hamburg und Berlin an wichtigen städtebaulichen Entwicklungsvorhaben und Konzepten mitgearbeitet, ist Lehrbeauftragter an der TU Berlin im Bereich Urban Design, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und außerordentliches Mitglied des Bundes Deutscher Architekten. Seit 2013 ist er Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur.


BUNDESSTIFTUNG BAUKULTUR
Seit 2007 tritt die Bundesstiftung Baukultur mit Sitz in Potsdam als unabhängige Einrichtung für Baukultur ein. Ihr Ziel ist es, die Öffentlichkeit für das Thema Baukultur zu sensibilisieren, unter Bauschaffenden eine breit angelegte Qualitätsdebatte über Baukultur zu initiieren, das Thema Baukultur in den Kommunen und Ländern zu intensivieren und international für die Qualitäten deutscher Baukultur zu werben. Alle zwei Jahre legt die Stiftung der Bundesregierung einen Baukulturbericht mit Handlungsempfehlungen vor. Im Förderverein der Stiftung sind 1500 Mitglieder engagiert, darunter auch zahlreiche Unternehmen wie HOCHTIEF.