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02 | 2020
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Ressourcen schonen – Nachhaltiger bauen

Vier Krane ragen in den Himmel über dem Düsseldorfer Heinrich Campus. Darunter am Boden: Arbeiter mit blauem Schutzhelm und signalgelber Weste, Bagger und Lkw, Bewehrungsstahl, Holzverschalungen, Betonflächen. Eine ganz normale Großbaustelle, so scheint es. HOCHTIEF errichtet auf dem circa 70 000 Quadratmeter großen Areal an der Heinrich-Ehrhardt-Straße bis Ende 2021 ein Bürogebäude. Doch auf dieser Baustelle passiert noch mehr: Unter Federführung der HOCHTIEF-Gesellschaft Nexplore wird dort der Stromverbrauch direkt und unmittelbar erhoben.

„Das ist ein Novum in der Baubranche“, erklärt Moritz Bendiek, Leiter des Nexplore Research & Development Center in Darmstadt und zugleich Projektleiter des Pilotvorhabens hier auf der Düsseldorfer Baustelle: „Wir messen und erfassen die Verbräuche und weitere Kenngrößen in Echtzeit, digitalisieren die Werte und sammeln sie in einer Cloud. So kennen wir jederzeit den momentanen Stromverbrauch der Baustelle und sehen auch, welche Bereiche welchen Anteil am Gesamtverbrauch haben.“ Nexplore hat für dieses Projekt „Edge Devices“ entwickelt: schuhkartongroße Kisten, voll mit Elektronik und Messtechnik, in denen auch Stromzähler auf dem Campus untergebracht sind. Die Geräte erfassen permanent die Zählerstände und leiten sie weiter an ein Internet-Gateway, das die Messdaten in die Cloud überträgt. Software macht es möglich, zum Beispiel Wochenverläufe zu modellieren, Leistungsspitzen (Peaks) zu erkennen oder einzelne Bauphasen zu vergleichen.

NACHHALTIGKEIT WIRD QUANTIFIZIERBAR

Ziel der Erhebungen ist es herauszufinden, wo während der Bauphase Energie gespart werden kann. Michael Kölzer, der Leiter Corporate Responsibility von HOCHTIEF, drückt es so aus: „Wir wollen Nachhaltigkeit messbar machen. Denn nur wenn wir genau verstehen, wann und wo wir welche Verbräuche verursachen, können wir gezielte Maßnahmen ergreifen, um unseren CO2 Fußabdruck zu verbessern.“ Die Baustelle Heinrich Campus wird so zu einem Lernprojekt: HOCHTIEF verschafft sich detaillierte Einsichten in den Stromverbrauch bei der Bauausführung, um Stellschrauben für ein ökologischeres Energiemanagement zu identifizieren.

Ähnliche Messungen laufen auch bei der amerikanischen HOCHTIEF-Tochter 
Turner Construction. „Derzeit nehmen 40 Baustellen an unserem Jobsite-Metering-Programm teil“, erklärt Julia Gisewite, Chief Sustainability Officer bei Turner. Eine davon ist der Seaport Square Block L4 in Boston. Turner baut dort ein Gebäude mit rund 43 000 Quadratmeter Fläche für Büros und Einzelhandel sowie eine 18 500 Quadratmeter große Tiefgarage.

„Neben den Stromdaten erheben wir auch die Kraftstoff-, Wasser- und Wärmeenergie­mengen, die die Bauausführung verbraucht“, sagt Julia Gisewite. Unterstützt wird dieses Messprogramm von den circa 70 Nachhaltigkeitsmanagern des US­-Unternehmens. Sie kümmern sich darüber hinaus um weitere Fragen rund um das Thema umweltfreundliches („grünes“) Bauen. Aktuell arbeiten sie beispielsweise an einem Projekt, um die Verwendung von Einweg-Plastikwasserflaschen zu reduzieren. Auch schulen sie Mitarbeiter des Unternehmens in puncto Nachhaltigkeitszertifizierungsprogramme wie LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) oder Green Globe.

HEUTE SCHON AN ÜBERMORGEN DENKEN

Ressourcen zu sparen ist zweifellos ein wichtiger Schritt, den die Bauunternehmen in Richtung Nachhaltigkeit gehen – jedoch bei Weitem nicht der einzige. Bei Projekten beispielsweise, die in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) umgesetzt werden und bei denen die Unternehmen nicht nur für die reine Bauausführung verantwortlich sind, sondern auch für den anschließenden Betrieb des Bauwerks, bestehen weitere erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten. Der Grund: Die Kosten für ÖPP-­Projekte werden über einen langen Zeitraum kalkuliert – oft über 30 Jahre.

Die höheren finanziellen Aufwendungen, die „grünes“ Bauen verursacht, relativieren sich durch die anschließenden Betriebskosten, weil diese von vornherein in die Gesamtbewertung einfließen. ÖPP ist deshalb auch eine Investition in Nachhaltigkeit – und zwar eine, die sich rechnet: Ein Bürogebäude beispielsweise mit energetisch hocheffizienten, aber teuren dreifach verglasten Fenstern auszustatten, hat langfristig wirtschaftliche Vorteile gegenüber der auf kurze Sicht billigeren Zweifachverglasung.

Ein aktuelles ÖPP-­Projekt mit Beteiligung von HOCHTIEF ist die Sanierung zweier Liegenschaften der Bereitschaftspolizei Hessen mit gut 50 Gebäuden in Kassel und Mühlheim. Im Rahmen seines „CO2-Minderungs- und Energieeffizienzprogramms“ (COME) hat das Land Hessen bei der Auftragsvergabe konkrete Angaben zur Einsparung der CO2-Emission gefordert.

PLANUNG IST DER BESTE HEBEL

HOCHTIEF erzielt die Einsparung unter anderem durch Dämmungen und Umrüstung auf moderne Lüftungs-­ und Beleuchtungsanlagen. 13 000 Tonnen CO2 werden allein durch die energetischen Modernisierungsmaßnahmen eingespart. Auch soziale Nach­haltigkeitsaspekte wurden berücksichtigt, wie Raik Kratz, Geschäftsführer der Projektgesellschaft HOCHTIEF BePo Hessen, erläutert: „Bei unseren Planungen haben wir festgestellt, dass die Hauptzufahrt zur Mühlheimer Liegenschaft ungünstigerweise in einer Einfamilienhaussiedlung liegt, was bei größeren Polizeieinsätzen zur Lärmbelästigung der Anwohner führt.“ Deshalb wird die Zufahrt mit dem Wachgebäude auf die andere Seite verlegt, die an ein Gewerbegebiet grenzt. Dort stören die ausrückenden Fahrzeuge niemanden. Dass die Planungsphase die größten Optimierungseffekte für sozial, wirtschaftlich und ökologisch sinnvolles Bauen bietet, betont auch Michael Kölzer: „PreFair-Projekte, bei denen HOCHTIEF bereits an der Entwurfsplanung beteiligt ist, vermeiden teure Nachbesserungen. Und unsere Kunden profitieren von verlässlichen Zeit­ und Kostenkalkulationen.“ Als Beispiel nennt Kölzer den Bau des Bürogebäudes gooneforty in Bonn. 

Die Klimatisierung des Gebäudes wird nach reiflichen Überlegungen durch eine geothermische Brunnenanlage unterstützt, die Dächer werden begrünt und auch die Baumaterialien nach Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt. Besonders wichtig war dem Bauherrn zudem die hohe Flexibilität des Gebäudes. Aus gutem Grund: Jeder Besitzer einer Büroimmobilie muss damit rechnen, in fünf bis zehn Jahren neue Mieter mit anderen Ansprüchen zu bekommen. Ein Gebäude, dessen Raumkonzept mit Minimalaufwand verändert werden kann, lässt sich daher langfristig erheblich besser vermarkten als andere. Beim gooneforty werden dement­sprechend lediglich die Treppenhäuser, Aufzüge, Küchen und WCs fest installiert, ansonsten aber weitestgehend Leichtbauwände eingezogen. Durch einen Hohlraumboden mit Doppelbodentrasse im Flurbereich stellt HOCHTIEF sicher, dass auch bei veränderten Nutzungsbedingungen an allen erdenklichen Stellen Anschlüsse für Internet und Telefon zur Verfügung stehen. Auf diese Weise lässt sich bei einem Mieterwechsel ein Großraumbüro ohne nennenswerten Aufwand in mehrere Einzelbüros umbauen – oder umgekehrt.

Solche Voraussetzungen müssen jedoch von Anfang an, also vor der Bauausführung, geplant werden: Nachträgliches Verlegen von Netzwerk­ und Telefonanschlüssen und das Umsetzen massiver Wände kosten viel Geld, Zeit und Energie. Das gooneforty erfüllt aufgrund dieser und diverser anderer Maßnahmen die Kriterien für das Gold-Zertifikat der 
Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Firmen bevorzugen nachhaltigkeitszertifizierte Gebäude, weil sie sich für sie rechnen: Die hohe Energieeffizienz führt zu niedrigen Betriebskosten, und weil bei der Raumgestaltung auf soziale Aspekte geachtet wurde, ist die Mitarbeiterzufriedenheit in solchen Objekten besonders hoch, was einen niedrigeren Krankenstand zur Folge hat. 

VERANTWORTLICHKEIT ERFORSCHEN

„Nachhaltigkeit verstehen wir ganzheitlich“, sagt Michael Kölzer. „Wir wollen ökologisch und sozial Verantwortung übernehmen, dabei aber auch zu betriebswirtschaftlich guten Ergebnissen kommen. Alles andere wäre nicht wirklich nachhaltig. Nur ein harmonischer Dreiklang aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem ist auf lange Sicht ein Gewinn.“

Eine der neuesten Initiativen dazu ist eine Studie, bei der die Zeppelin-­Universität Friedrichshafen im Auftrag von HOCHTIEF zwei Infrastruktur­-Baustellen der Autobahn A7 auf Nachhaltigkeitsaspekte hin untersucht – mit besonderem Fokus auf Lärmemissionen und Verkehrsbelastungen. „Die Studie entwickelt ein analytisches Instrument, das diese und andere Auswirkungen quantifiziert und somit vergleichbar macht“, erklärt Kölzer. „Und sie wird zeigen, wo für uns Möglichkeiten bestehen, nachhaltiger zu arbeiten – selbst unter weitgehend festgeschriebenen Bedingungen.“HOCHTIEF hat für die Untersuchung bewusst zwei öffentliche Bauvorhaben mit Planfeststellungsverfahren ausgewählt, die Langenfelder Brücke und den Tunnel Stellingen, beide in Hamburg. Projekte also, bei denen HOCHTIEF nicht in die Planungsphase einbezogen war und bei denen sich daher weniger Gestaltungsspielräume bieten als bei ÖPP-­ oder Pre-Fair-­Lösungen.

„Meine Vorstellung ist, mit all unseren Bemühungen ein belastbares Nachhaltigkeitscontrolling aufzubauen“, erläutert Michael Kölzer. Es gehe darum, mehr zu tun als nur zu sagen, dass Klimaschutz wichtig sei und jeder etwas machen solle. „Wir wollen und müssen noch deutlicher verstehen, wo unsere nachhaltige Verantwortung in den vielen Aktivitäten des Konzerns liegt und wie wir sie noch besser umsetzen und steuern können. Die Unternehmen mit einer verlässlichen und nachvollziehbaren Nachhaltigkeitsstrategie werden in Zukunft erfolgreich sein. Wir sind auf einem guten Weg.“