concepts
02 | 2021
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Interview mit Dietmar Leyk

„Global betrachtet sieht heute jeder Verkaufsraum gleich aus“

Nachhaltigkeit, Resilienz, Lebensqualität, Digitalisierung — die Ansprüche an die Stadt der Zukunft sind enorm. Im Interview mit concepts-Chefredakteur Torsten Meise erläutert Dietmar Leyk, Direktor des HOCHTIEF-Nexplore-Thinktanks „Life As A Service“, wie sich tragfähige urbane Konzepte entwickeln und umsetzen lassen.

conceptsHerr Leyk, mit der Coronapandemie hat die Verödung der Zentren auch die Großstädte und Metropolen erreicht: Ohne Shopping-Angebote fehlt ihnen nicht selten jegliche Attraktivität. Welche auch langfristigen Veränderungen werden hier sichtbar?

Dietmar LeykDie Verdrängungsprozesse, etwa durch die großen Handelsketten, führen zu einer gewissen Homogenität in den Zentren. Damit schwindet dann auch das Interesse der Bewohner und der Gäste, die eine Stadt besuchen. Die Innenstädte leben davon, dass Menschen dort wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Ein Dilemma war auch, dass man sich zu sehr auf die eine Innenstadt fokussierte, zum Beispiel in Berlin, wo ich lange gelebt habe. Da hätte man viele kleine Zentren und damit die Chance, mehr Charakterräume zu schaffen.

conceptsSpielt der E-Commerce eine Rolle bei dieser Entwicklung?

Dietmar LeykJa, natürlich, und die Entwicklung wird noch weitergehen. Extended und Virtual Reality werden dafür sorgen, dass Einkaufserlebnisse online eine neue Dimension erhalten und das Erlebnis des Einkaufens so gut simulieren, dass viele Menschen zum Beispiel nicht mehr an typische Shopping-Destinationen reisen werden.

conceptsAber der reale Einkauf ist immer noch etwas anderes, oder?

Dietmar Leyk   Was sind denn die Dinge, die ich online nicht simulieren kann? Sinnliche Eindrücke wie Geschmack und Geruch und menschliche Begegnungen. Die Frage für den Einzelhandel ist, wie kann ich das fördern? Global betrachtet sieht heute jeder Verkaufsraum gleich aus. Warum nicht beispielsweise mehr regionale Unterschiede einbringen? Das ist schwierig, aber das ist der Weg, mit dem E-Commerce in Wettbewerb zu treten.

conceptsWelche Rolle spielt die Gestaltung einer Stadt für die Attraktivität? Das sind ja Räume, die auch über ihr Erscheinungsbild Menschen anziehen.

Dietmar LeykJa, unbedingt. Diesen Dialog über die Zukunft unserer Städte zu starten ist ja auch unsere Aufgabe bei HOCHTIEF. Wir zeigen und visualisieren dabei alternative Zukünfte. Dadurch kann auch jeder Nichtexperte mit uns zum Beispiel über den öffentlichen Raum diskutieren.

conceptsWie oder was genau visualisieren Sie dabei?

Dietmar LeykWir zeigen anhand von städtischen Situationen, wie sich diese in der Zukunft verändern können. Heute haben wir zum Beispiel einen Boulevard in Paris, der ist stark beparkt, und der Autoverkehr besitzt drei Spuren auf jeder Seite. Wie sieht diese Straße im Jahr 2035 aus? Da haben wir dann reduzierte Fahrbahnen, weil autonome Fahrzeuge viel präziser fahren und Platz sparen können. Wir haben auch keine Emissionen mehr, weil die Fahrzeuge elektrisch fahren. Die frei gewordenen Räume stehen für Baumstreifen, für Gastronomie oder Basketballfelder zur Verfügung. Die Häuser verändern sich und besitzen Fassaden, an denen die Bewohner Gärten anlegen können. Das visualisieren wir. Aber es ist dann auch nur eine von mehreren möglichen Alternativen. Wenn wir das nicht sichtbar machen, verlieren wir in der Diskussion viele Menschen.

conceptsWie würde denn für Sie, vielleicht in 20 Jahren, eine gelungene Stadt aussehen?

Dietmar LeykDiese Stadt würde sich zunächst anders entwickeln, weil wir viel mehr Perspektiven aus unterschiedlichen Interessengruppen in diesen transformativen Gestaltungsprozess einbinden werden.

conceptsDas heißt, Sie sehen diese Vielfalt an Ansprüchen, die heute an eine Stadt herangetragen werden, positiv? Das macht Entscheidungsprozesse ja nicht unbedingt einfacher.

Dietmar LeykJa, auf jeden Fall. Aber ein Plan und ein Grundriss reichen dafür nicht aus, man muss mehr Parameter einbeziehen. Durch Technologien wie Extended Reality oder parametrisches Entwerfen kann Komplexität heute viel besser verhandelt werden. Man kann zum Beispiel auch ökonomische Wirkungen sofort simulieren, also die Frage: Was bedeutet das für den Investor? Planungsprozesse erfolgreich zu verbessern gehört für mich zu einer gelungenen Stadt.

conceptsUnd was soll am Ende dieser Prozesse stehen?

Dietmar Leyk Ich bin der Meinung, dass wir in den Städten zu homogen unterwegs sind. Wir brauchen mehr räumliche Diversität: groß, klein, hoch, niedrig. Das zieht dann auch eine andere Mischung nach sich, im Sozialen, in der Altersstruktur, in der Nutzung. Und wenn ich das kombiniere mit dem Wunsch nach mehr Grün, nach flexiblen Architekturen und einem emissionslosen Verkehrssystem, dann sind wir schon recht nahe an meiner Idealvorstellung von Stadt.

conceptsDas klingt auch ein wenig nach der Initiative der Europäischen Union, ein neues Europäisches Bauhaus zu initiieren. Unterstützen Sie das?

Dietmar LeykJede Initiative, die in eine nachhaltige Richtung geht, ist zu unterstützen. Und ich kann verraten: Wir sind als LAAS und Nexplore im Gespräch mit dem neuen Europäischen Bauhaus und wollen dort auch mitdiskutieren und mitgestalten. Ich hoffe allerdings, dass es nicht zu eng an das historische Bauhaus angelehnt ist, sondern für offene Prozesse steht.

DIETMAR LEYK
Der Architekt ist Direktor des 2019 von der HOCHTIEF-Gesellschaft Nexplore gegründeten Thinktanks „Life As A Service“ (LAAS). Als kollaboratives Netzwerk und Forschungsplattform soll LAAS dabei helfen, die Städte, Dörfer und Landschaften von morgen zu erfinden, indem digitale Dienste ganzheitlich mit menschlichen Werten verbunden werden. Der 58-Jährige lebt in Zürich und Singapur.