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02 | 2021
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Hamburg, Berlin und Prag

Zeitgeister sind flüchtige Wesen. Im Laufe der Epochen galt vieles als modern, was übermorgen schon wieder von vorgestern war: Stock und Hut, Braten mit Soße, Röhrenfernseher vor rustikaler Schrankwand und spätestens seit den 1970ern die autogerechte Innenstadt, also Areale in zentraler Lage, voller Asphalt, aber fast ohne Menschen, zumindest nach Ladenschluss. Die Hamburger City zum Beispiel ist bei anbrechender Nacht wie ausgestorben. Was zuletzt zwar mit der Coronapandemie zu tun hatte, die aber nur eine bestehende Fehlentwicklung klarer als je zuvor offenlegte.

Wie in fast jeder europäischen Metropole haben sich die Straßen und Plätze hier auch ohne Lockdown oder Ausgangssperre abends in ähnlichem Tempo geleert wie Büros oder Boutiquen. Während das benachbarte Amüsierviertel St. Pauli erst im Dunkeln so richtig erblüht, gehen dort schon die Rollläden herunter, wo einst das Handelsherz der Hansestadt pulsierte: an der Straße 
Großer Burstah, fast direkt neben dem berühmten Rathaus der Hansestadt, wo HOCHTIEF derzeit ein spannendes Bauprojekt realisiert.

ZENTREN NEUES LEBEN EINHAUCHEN

Erstmals bebaut vor mehr als 800 Jahren, befand sich am Großen Burstah der Ursprung des späteren Hamburger Seehafens. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte hier nahezu pausenloses Treiben aus Leben und Arbeit, Wohnen und Freizeit, Lärm und Bewegung — bis der Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt das Zentrum nivellierte, zerteilte und entvölkerte.

Zwischen ehemaliger Börse und heutiger Sparkasse, archäologischer Ausgrabung und sechsspuriger Verkehrsader baut HOCHTIEF seit Mitte vorigen Jahres ein neues Stück Altstadt — oder umgekehrt: ein altes Stück Neustadt. Auf dem Gelände einer abgerissenen Konzernzentrale, die 1969 ganze Straßenzüge verschlungen hatte, entstehen stolze 44.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Behutsam eingebettet in das historische Umfeld, beherbergen die neuen Bauten künftig eine Art von Mischnutzung, die in so exklusiver Citylage auch andernorts selten ist. Denn dort, wo zwar tagtäglich Hunderttausende einkaufen, aber nur ausnahmsweise leben, entstehen bis Anfang 2023 nicht nur 60 Geschäfts- und Büroeinheiten, sondern fast ebenso viele Wohnungen. Mehr noch: Während dreigeschossige Tiefgaragen den oberirdischen Parkraum minimieren, gestaltet HOCHTIEF auf der befreiten Fläche ein nachhaltiges Mobilitätskonzept mit 522 Fahrradstellplätzen und bester ÖPNV-Anbindung. Ergänzt um üppiges Stadtgrün mit Kinderspielplatz, Restaurants und Verweilmöglichkeiten, könnte Hamburg neu erblühen. „Die ursprünglich bestehende städtebauliche Struktur“, schwärmt Torsten Steiner, Seniorprojektleiter bei HOCHTIEF Infrastructure, „sie lebt wieder auf.“ Damit trägt das Burstah-Ensemble zur „Renaissance der Innenstadt“ bei, einer lokalen Initiative aus Politik und Wirtschaft, Kultur und Tourismus. Gemeinsames Ziel sind fünf Steigerungen zum Wohl der Lebensqualität: mehr Fußgänger und Fahrräder, mehr Busse und Bahnen, mehr Licht und Pflanzen, mehr Vielfalt und Kultur, mehr Freiräume und Wohnungen. In Hamburg soll so der vorvorletzte Trend steriler Innenstädte überwunden werden.

ALTE STRUKTUREN NEU GEDACHT

Knapp 300 Kilometer östlich hat sich das Baseler Architekturbüro Herzog & de Meuron mit dem Stadtquartier Am Tacheles ganz ähnliche Ziele gesetzt. Eine der letzten großen Baulücken im Herzen der deutschen Hauptstadt hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. In den 1980er Jahren fiel ein Großteil des ehemaligen Einkaufszentrums Friedrichstraßenpassage einem Straßenbau zum Opfer, die Reste besetzte 1990 das Künstlerkollektiv Tacheles. Dieses wollte das zwar heruntergekommene, aber sanierungsfähige Restbauwerk an der Oranienburger Straße vor der vorgesehenen finalen Sprengung bewahren und dort ein freies Kunstzentrum einrichten. Die Besetzer schafften es, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde, und betrieben dort ein Veranstaltungszentrum mit kultureller Freifläche. Seit der Räumung im Jahr 2012 wartet das fast 23.350 Quadratmeter große Filetstück auf eine Zukunft abseits der handelsüblichen Riegelbebauung mit Kettenläden im Erdgeschoss und hochwertigen Büros darüber — eine bessere Zukunft, an der HOCHTIEF gerade eifrig baut.

„GESCHICHTE SO MODERNISIEREN, DASS SIE ZUKUNFTSTAUGLICH WIRD, OHNE DIE VERGANGENHEIT ZU VERLEUGNEN.“
CLAUDIA BOHEIM, HOCHTIEF BERLIN

Der Masterplan von Herzog & de Meuron nimmt die Strukturen und den Geist des Scheunenviertels sowie den historischen Fußabdruck der Friedrichstraßenpassage auf. Im neuen Quartier, unterteilt in zehn Bauabschnitte, entstehen an der Friedrichstraße vor allem Büros, an der ruhigen Johannisstraße mehrheitlich Wohnungen. Und mittendrin, in Plätzen und Wegen und rund um sie herum, finden Gewerbe und Gastronomie ihren Raum. „Es entsteht hier viel, viel Platz fürs menschliche Miteinander“, erklärt Claudia Boheim von der Berliner HOCHTIEF-Dependance. Sie kennt das Areal noch aus der Zeit des Kulturzentrums, in dem sie selbst einst feiern war. An menschlichem Miteinander mangele es der einzigen echten deutschen Metropole.

Trotzdem geht es beim Stadtquartier Am Tacheles keineswegs um die Restauration eines Urzustands, also um Rückschritte. Das Projekt orientiert sich eher an Architekturarchäologie im Freilegen historischer Strukturen und Qualitäten desScheunenviertels. „Geschichte so modernisieren, dass sie zukunftstauglich wird, ohne die Vergangenheit zu verleugnen“, sagt die kaufmännische Projektverantwortliche über ihre Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Herzog & de Meuron.

In einem von HOCHTIEF gedrehten Video zeigt Boheims ehemalige Kollegin Christa Panitzsch, was HOCHTIEF darunter versteht. Nach 50 Jahren im Unternehmen kehrte sie extra für das Projekt Am Tacheles vorübergehend als Teamassistentin aus dem Ruhestand zurück und führt in dem Film spürbar ergriffen durch den Ort ihrer Kindheit. „Hier war der Eingang zum Kino“, berlinert die 67-Jährige im Lärm fleißiger Handwerker, „da konnte man Süßigkeiten kaufen.“ Daneben Friseure, Metzger, Obstläden, Nachbarschaft — alles vergangen, alles aber auch wieder im Kommen.

In einer Zeit, in der die Attraktivität des Einzelhandels an vielen Stellen nicht mehr ausreicht, um die Anziehungskraft des innerstädtischen Raums zu gewährleisten, geht das Stadtquartier Am Tacheles bereits in eine Richtung, die klima- und postpandemiegerecht ist: Die Gestaltung und die Nutzungsvielfalt der Plätze, Wege und des Hofgartens wird auch sozial und ökologisch gedacht.

Abgesehen von der Bevorzugung nachhaltiger Mobilität werden die Bauabschnitte daher nicht nur horizontal begrünt, also auf Dächern und Straßen, sondern es gibt auch „hängende Gärten“. Das verbessert neben der lokalen Lebensqualität das Mikroklima und die Artenvielfalt, den Nutzen für alle also, und fördert so, was Städte aus Sicht des Zukunftsinstituts des Frankfurter Trendforschers Matthias Horx künftig krisenresilienter macht: klimagerechte, sozial gemischte, gesundheitsförderliche, emissionsarme, ressourcenschonende Dorfstrukturen mit urbaner Nachbarschaft.

ENDLICH WIEDER (EIN) PLATZ

Exakt das hat die schöne Stadt Prag auch an einem ihrer bedeutendsten Orte vor, dem Wenzelsplatz. „Eigentlich ist es eher eine besonders breite Straße“, beschreibt Michal Talián, bei HOCHTIEF CZ für die Kommunikation verantwortlich, den 750 Meter langen Prachtboulevard. Wo im Mittelalter Pferdekutschen rollten und 1968 Panzer, wo nach dem Ersten Weltkrieg die Boheme flanierte und vor dem Mauerfall der Widerstand, dominiert trotz der eleganten Gründerzeitarchitektur ein profaner Mix aus Massentourismus und Zweckbüros, fliegenden Händlern und Nachtklubs.

„Es ist zwar nicht gerade die Bronx“, sagt Michal Talián lachend über das Wahrzeichen inmitten seiner Heimatstadt, „aber nach Sonnenuntergang zählt die Gegend definitiv nicht zu den familienfreundlichsten der ansonsten sicheren Stadt.“ Bislang. Denn unlängst hat HOCHTIEF begonnen, dem Wenzelsplatz im kommunalen Auftrag zu alter Pracht zu verhelfen. In einer zweijährigen Bauphase werden die Bürgersteige verbreitert und die Bordsteine beseitigt, 30 ausgewachsene Linden erhalten und 48 neue gepflanzt. Auch die vorhandenen Marmorpoller — instinktlos aus jüdischen Grabsteinen hergestellt — werden entfernt. So sollen sich nicht nur die vielen Gäste aus aller Welt auch nach Anbruch der Dunkelheit ein bisschen wohler fühlen, sondern ins besondere die wenigen Anwohner. Von denen gebe es nämlich kaum welche — und zwar in der gesamten Altstadt, beklagt Talián. Wie andere Hotspots dieser Güte leide auch Prag unter der „Residential Crisis“: Von Touristen erobert, von Airbnb geschwächt, vom Sanierungsstau versehrt und von Ansässigen befreit, mangelt es der Innenstadt seit Langem an echtem Alltag abseits der Stoßzeiten. Der 20 Millionen Euro teure Umbau dient deshalb zwar durchaus der Verschönerung. „Noch wichtiger ist jedoch seine Revitalisierung“, betont Talián und zitiert die Worte einer Lokalzeitung: „Dadurch wird der Wenzelsplatz wieder zum angesagtesten Ort der Stadt.“

DIE CITY DER ZUKUNFT

Attraktiv zum Leben, Wohnen, Shoppen oder Arbeiten, also gleichermaßen modern und historisch, geordnet und authentisch, geschäftig und gemütlich — die leer gefegten Innenstädte, die es während der Corona-Lockdowns zu sehen gab, haben noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, diese Aspekte gleichermaßen zu beachten und zu fördern. Wenn sich die neuen Bewohner des Großen Burstah künftig in einer lauen Sommernacht am Fleet treffen, wenn das Berliner Quartier Am Tacheles Auswärtige wie Hausgenossen zur Kunstperformance lädt, wenn der revitalisierte Prager Wenzelsplatz seine Nacht zum Tage macht, ohne Anwohner abzuschrecken, dann zeigt sich: Innenstadt und Nachbarschaft müssen keine Gegensätze sein.

Text: Jan Freitag