concepts
02 | 2021
6/13

Interview mit Dr. Alexandra Albrecht-Baba

Menschenrechte in der Bauindustrie: Was bedeutet das eigentlich?

Das Thema Menschenrechte liegt HOCHTIEF am Herzen. Und transparente Berichterstattung zu diesem Thema ist sogar ein Wettbewerbsvorteil, so Alexandra Albrecht-Baba im Interview mit concepts-Autor Sebastian Bröder. Als Chief Human Rights Officer von HOCHTIEF ist es ihre Aufgabe, die Bedeutung des Themas zu erläutern und menschenrechtliche Risiken im Unternehmen zu identifizieren.

conceptsFrau Dr. Albrecht-Baba, welchen Herausforderungen begegnen Sie als Chief Human Rights Officer HOCHTIEF?

Albrecht-BabaDas Thema Menschenrechte beschäftigt HOCHTIEF schon lange. Wir sind beispielsweise seit 2008 Teilnehmer im UN Global Compact, einer Initiative der Vereinten Nationen, und haben bereits 2011 die Bedeutung des Schutzes von Menschenrechten in unseren HOCHTIEF Code of Conduct aufgenommen. Über den HOCHTIEF Code of Conduct für Vertragspartner verpflichten wir unsere Vertragspartner, unsere Standards auch im Hinblick auf das Einhalten der Menschenrechte zu akzeptieren. Die Herausforderung besteht darin, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Unternehmen deutlich zu machen, worum es dabei für HOCHTIEF geht und in welchen Situationen ein besonderes Risiko hinsichtlich einer möglichen Verletzung von Menschenrechten besteht. Außerdem machen wir eine Bestandsaufnahme bereits etablierter Maßnahmen im Unternehmen, die schon seit Langem dem Schutz von Menschenrechten dienen, ohne dass wir sie bisher als solche benannt haben. Da es sich um ein Querschnittsthema handelt, sind viele Fachbereiche betroffen, beispielsweise die Bereiche Personal, Einkauf und Arbeitsschutz, aber natürlich auch das operative Geschäft.

conceptsWelche Risiken sind das? Wo ist das Thema Menschenrechte relevant für die Bauindustrie?

Albrecht-BabaZunächst einmal gibt es Länderrisiken, die wir betrachten. Dabei geht es um die Frage, in welchen der Länder, in denen HOCHTIEF tätig ist, die verschiedenen Rahmenwerke und Abkommen zum Schutz von Menschenrechten umgesetzt worden sind und welche Anforderungen dabei an Unternehmen gestellt werden. Zudem ergeben sich menschenrechtliche Risiken aus unseren Aktivitäten als Unternehmen, und zwar in verschiedenen Bereichen. Dazu zählen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genauso wie unsere Vertragspartner und diejenigen, die auf andere Weise mit unseren Aktivitäten in Berührung kommen wie Anwohner oder Nutzer von Infrastruktureinrichtungen. Das beginnt ganz allgemein bei Gesundheitsrisiken, geht über die Gefahr von Diskriminierungen zum Beispiel bei Einstellungsprozessen bis hin zu illegaler Beschäftigung und Kinderarbeit. Aber auch der Schutz personenbezogener Daten, das Beschwerderecht oder die Bekämpfung von Korruption gehören dazu. Diese Beispiele zeigen, dass es sich nicht um völlig neue Themenfelder handelt, sondern vielmehr um eine Einsortierung unter den Begriff Menschenrechte.

conceptsWelche Bedeutung hat dabei das neue Sorgfaltspflichtengesetz, das im Juni in Deutschland beschlossen wurde?

Albrecht-Baba   Das Sorgfaltspflichtengesetz verpflichtet Unternehmen unter anderem, menschenrechtliche Risiken, die von den jeweiligen Aktivitäten ausgehen, zu identifizieren und Maßnahmen zu treffen, um ihnen zu begegnen. Dabei stellt der Umgang mit menschenrechtlichen Risiken entlang der Lieferkette eine besondere Herausforderung dar, der wir uns, lange bevor das Gesetz verabschiedet wurde, gestellt haben: Wir haben und nutzen bereits mehrere Wege, unserer Verantwortung gerecht zu werden. Neben der vertraglichen Verpflichtung, unsere Standards über den HOCHTIEF Code of Conduct für Vertragspartner einzuhalten, lassen wir beispielsweise besonders wichtige Lieferanten und Nachunternehmer durch unabhängige Unternehmen überprüfen, die auf Nachhaltigkeit und damit auch auf Menschenrechte spezialisiert sind. Wenn wir einen Lieferanten beauftragen, der seinen Sitz in einem Land mit einem hohen Risiko hat, wird er durch den Einkauf in Zusammenarbeit mit Compliance noch einmal besonders geprüft. Wenn wir Anhaltspunkte dafür haben, dass die Einhaltung unserer Standards gefährdet ist, können wir darauf reagieren.

conceptsWas können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun, wenn sie Hinweise oder einen Verdacht auf illegale Praktiken haben?

Albrecht-BabaWir kommunizieren regelmäßig und transparent, an wen sich Mitarbeiter und Externe wenden können, die eine kritische Situation beobachten. HOCHTIEF hat dazu schon vor rund 15 Jahren die sogennannte Ethik-Hotline eingeführt. Heute heißt sie Hinweis-Hotline: eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse, an die sich diejenigen wenden können, die einen möglichen Regelverstoß entdeckt haben — das ist selbstverständlich auch anonym möglich. In der Compliance-Welt spricht man von Whistleblowing. Es geht darum, einen Beschwerdemechanismus zu haben, über den potenzielle Regelverstöße so schnell wie möglich bekannt gemacht werden können. So ist es uns möglich, den Sachverhalt genauer zu untersuchen.

conceptsBesteht für HOCHTIEF die Gefahr, im Wettbewerb weniger konkurrenzfähig zu sein, wenn Sie die Unbedenklichkeit teuer einkaufen müssen?

Albrecht-BabaBei den ausschreibenden Stellen in den europäischen Ländern hat sich die Haltung „Wirtschaftlichkeit um jeden Preis“ schon lange geändert. Besonders die Niederlande oder Skandinavien sind Vorreiter. Nachhaltigkeitsaspekte — und dazu gehören auch Menschenrechte — spielen eine große Rolle im Bereich der Präqualifikation und in der Angebotsbewertung. Es wird auf diese Punkte Wert gelegt, sodass es beispielsweise bei der Vergabe nicht immer nur darum geht, dass der mit dem günstigsten Angebot beauftragt wird, sondern es werden auch Nachhaltigkeitsaspekte bewertet. Der Aufwand, der uns beispielsweise durch ein detaillierteres Reporting über diese Aspekte im Projekt entsteht, kann sich daher durchaus auszahlen.

conceptsEs wird also zum Wettbewerbsvorteil, auf das Thema Menschenrechte zu schauen und transparent darüber zu berichten?

Albrecht-BabaJa, diese Entwicklung sehen wir definitiv. Seit sechs Jahren widmen wir dem Thema Menschenrechte ein eigenes Kapitel in unserem Konzernbericht. Wir haben in den vergangenen Jahren Zuschläge bekommen, weil wir bereits in der Lage waren, über Nachhaltigkeit und Menschenrechte zu berichten. Mit den steigenden gesetzlichen Anforderungen an europäische Unternehmen, im Rahmen des Geschäftsberichts detaillierter über Nachhaltigkeit Bericht zu erstatten, werden auch Transparenz im Umgang mit Menschenrechten und das systematische Erfassen menschenrechtlicher Risiken immer wichtiger. Das ist genau die Aufgabe, die wir zurzeit haben: noch mehr Transparenz zu schaffen.

DR. ALEXANDRA ALBRECHT-BABA
ist Leiterin Konzerncompliance & Recht bei HOCHTIEF. Im Mai 2021 hat sie zudem die neu geschaffene Position Chief Human Rights Officer des Unternehmens übernommen.