concepts
02 | 2021
7/13

Risiken der technischen Gebäudeausstattung

TGA-Experten sind manchmal schwer dingfest zu machen, denn ihre Arbeit liegt im Verborgenen: in Versorgungsschächten, hinter Decken und unter Fußböden. Sie erdenken und platzieren Technikzentralen, von denen Gebäudenutzer oder Besucher normalerweise nichts mitbekommen sollten — außer sich wohlzufühlen.

Die „Technische Gebäudeausrüstung“, kurz TGA, gilt als Königsdisziplin der Bauplanung. In diesem Bereich werden aber auch die teuersten Fehler gemacht — wenn man sein Handwerk nicht versteht. Etwa ein Drittel der Baukosten entfallen heute auf den Bereich TGA, die Lebensadern von Gebäuden. Bei Spezialobjekten wie Laboren, Rechenzentren oder hoch spezialisierten Kliniken kann das technische Innenleben auch schon einmal 40 oder 50 Prozent des Budgets ausmachen. Angesichts dieser Zahlen ist es fast verwunderlich, dass in der seit sechs Jahren bestehenden HOCHTIEF-Einheit „Technisches Büro Building, Fachbereich Gebäudetechnik“ lediglich 24 Experten arbeiten. „In Hochzeiten“, betont deren Chef Jürgen Mühlen, „reicht unser Team zur Bewältigung unserer Aufgaben gerade so aus und muss noch weiter ausgebaut werden. Manche Kollegen aus den Niederlassungen wünschen sich, dass wir alles komplett selber planen — das ist nicht möglich, denn dann bräuchten wir in der Spitze fast 200 Mitarbeiter. Doch das wäre nicht immer wirtschaftlich.“

TGA, das weiß der erfahrene Ingenieur, ist Projektarbeit. Sein Team steigt oft schon in einer sehr frühen Projektphase ein und berät ambitionierte Bauherren, Architekten und Ingenieure in Sachen Machbarkeit und Effizienz. In der Bauwelt übernehmen meistens externe TGA-Planungsbüros diesen Job. Dass HOCHTIEF hierfür eine eigene Spezialeinheit besitzt, hat sich längst bewährt. „Der Kern unseres Jobs ist Risikofrüherkennung“, sagt Mühlen. Zu seinem Team gehören Ingenieure für alle TGA-Fachdisziplinen, das heißt auch Spezialisten für Fördertechnik, Sprinkleranlagen und Gebäudeautomatisierung — ausgesuchte Fachleute in Bereichen, in denen Laien oder Generalisten schnell den Überblick verlieren. Sie beraten und entscheiden hochsensible Fragen wie: Ist etwas überhaupt baubar? Und wenn ja, zu welchem Preis? Ist der Schacht groß genug für die nötige Technik? Passen die vorgesehenen Trassen, die Ausfädelungen aus den Schächten? Stimmen Leistungen, Berechnungen und Auslegungen? Also all die weitgehend unsichtbaren Dinge, die ein Bauprojekt schnell in die Schlagzeilen bringen, wenn sie nicht funktionieren.

GARANTEN FÜR DIE NACHHALTIGKEIT

Bauherren haben heute eine Vielzahl gesetzlicher Vorgaben zu beachten. Gebäude müssen nicht nur leise, gut gekühlt, beheizt oder belüftet ihren Dienst verrichten. Sie sollen auch in höchstem Maße nachhaltig und energieeffizient sein. Und als wäre all das nicht schon anspruchsvoll genug: Neue Gebäude sollen zudem äußerst flexibel sein und sich über den Lebenszyklus auf wechselnde Nutzer einstellen können.

Das im Spätsommer 2021 fertiggestellte Münchner Hochhaus-Schmuckstück Werk4 ist ein gutes Beispiel dafür. Es integriert sehr unterschiedliche TGA-Anforderungen unter einem — ziemlich hohen — Dach. Auf dem alten, bestehenden Kartoffelsilo der Pfanni-Werke entstand mit dem Werk4 einer der spektakulärsten Neubauten der bayerischen Metropole. Über dem alten Industriespeicher, der sich in eine schwindelerregende Kletterhalle verwandelt hat, wuchs ein markantes Hochhaus auf 86 Meter an. Richtungsweisend ist das multifunktionale Nutzungskonzept: Während in den oberen Etagen ein hochwertiges Apartmenthotel mit 234 Studios und Apartments residiert, ist in den unteren Geschossen ein preisgünstiges Hostel mit insgesamt 500 Betten entstanden. Das in den Bau integrierte Kartoffelsilo wird weiterhin von der IG Klettern München & Südbayern als Kletterhalle „Heavens Gate“ genutzt. Hinzu kommen ein Spa sowie eine Skybar in lichter Höhe mit Blick auf Olympiagelände, Frauenkirche und die Zugspitze. Wer ein derart diverses Bauwerk effizient mit Gebäudetechnik ausstatten will, braucht eine Menge Wissen. Hotels verfügen über aufwendige Sanitäranlagen, dazu ist Lärmschutz von entscheidender Bedeutung. Die TGA-Mannschaft von HOCHTIEF erkannte während der Systemplanung früh, dass die hohen technischen Anforderungen infolge akustischer Vorgaben und innerer Kühllasten nur mit einer geeigneten technischen Ausstattung einzuhalten sind. 

Hier offenbart sich ein echter Wettbewerbsvorteil der hausinternen TGA-Fachleute von HOCHTIEF. „Der Kunde wollte alles aus einer Hand“, berichtet Jürgen Mühlen. „Wir waren durch unser Technisches Büro gemeinsam mit unseren Münchner Kollegen von Beginn an sehr gut und kompetent aufgestellt und konnten unser TGA-Konzept und den Kostenrahmen frühzeitig präsentieren. Das kam gut an und führte zum Erfolg.

VON ANFANG AN MITPLANEN

Während externe Planungsbüros oft (zu) spät in den Prozess eingreifen, handelt die Essener Abteilung frühzeitig und effizient, indem sie Projekte fachkundig begleitet. Dass TGA-Menschen in der Baufachwelt schon mal als Spielverderber gelten, weil sie hoch kreativen Entwürfen die Machbarkeit absprechen, möchte Jürgen Mühlen so nicht stehen lassen. „Wir wollen unsere Kollegen und Auftraggeber beratend und serviceorientiert unterstützen, damit am Ende ein besseres, effizienteres und ökologisch beispielhaftes Gebäude herauskommt.“ Neben den Spezialisten des Technischen Büros arbeiten noch etwa 100 weitere TGA-Experten in den Niederlassungen von HOCHTIEF Building. Kollegen in diesem Bereich werden zu Beginn ihrer Betriebszugehörigkeit in der Essener TGA-Zentrale geschult und auf den neuesten Stand der Technik gebracht, die sich in Zeiten nötiger Ressourcenschonung und Digitalisierung rasant wandelt.

Wobei keineswegs alle Projekte der Essener „Undercover“-Spezialisten neu entstehende Gebäude betreffen. So bat der Berliner Senat um Hilfe bei der TGA-Modernisierung seiner Verwaltungsgebäude, um gerade den CO₂-Ausstoß alter DDR-Hochhäuser deutlich zu vermindern. Innerhalb von nur vier Wochen erstellte das Essener HOCHTIEF-Team einen Bericht inklusive Vorschlägen und Skizzen, wie sich die alten Häuser mit neuer Technik versehen lassen, ohne dass Aufwand und Kosten explodieren. TGA-Sanierungen bestehender Gebäude gehören neben Gutachten, Angebotsberatung, Kostenkalkulationen, Planprüfungen oder auch dem Rekrutieren von TGA-Planern vor Ort zu den vielfältigen Aufgaben des Büros.

Bleibt die Frage, ob im Zeitalter rasant voranschreitender Digitalisierung Gebäude schneller altern als früher — was weder besonders kosteneffizient noch ökologisch wäre. Jürgen Mühlen sieht das anders. Der studierte Versorgungstechniker war vor seiner Zeit bei HOCHTIEF mehr als 20 Jahre lang Geschäftsführer einer Consultingfirma in Sachen Gebäudetechnik. „Durch Digitalisierung verändert sich Software. Mechanische Komponenten müssen diese Veränderungen in jede Richtung mitmachen, das ist unser Job. Lüftungsgeräte unterliegen heute Richtlinien, die schon sehr nah am Optimum dessen liegen, was theoretisch möglich ist. Man wird auch in zehn Jahren nicht besser lüften können als heute — aber die volle Flexibilität für neue Software muss natürlich gegeben sein.“ Die Coronapandemie mit plötzlich boomendem Homeoffice und einer Krise des Hotel- und Gastronomiegewerbes machte deutlich, dass Gebäude heute flexibel zu sein haben. Kleinere Büroeinheiten sollen sich in Großraumflächen verwandeln können und umgekehrt. Heiz- und Klimatechnik müssen auf wechselnde Nutzerzahlen oder Filteranforderungen der Raumluft einzustellen sein.

Ein TGA-Trend weist in Richtung individueller Nutzung von Gebäudetechnik mithilfe sogenannter Übergabepunkte. Das sind Schnittstellen, über die der Mieter die Verteilung von Starkstrom, Kälte, Wärme, Wasser, aber auch Daten für Telekommunikation selbst regeln kann. Jeder Gebäudenutzer kann sich dann so einrichten, wie es ihm gefällt. Damit dies gelingt, dafür schafft das „Technische Büro Building“ von HOCHTIEF mit viel Augenmaß und Know-how die Grundlage.

Text: Eric Leimann