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Nachhaltigkeit – Ein Interview mit Prof. Moldaschl

„ES KANN NICHT NUR UM TECHNIK UND WIRTSCHAFTLICHKEIT GEHEN“

Welche Wirkungen haben große Infrastrukturprojekte? Und wie sollten sie angegangen werden, um Akzeptanz zu finden und auf verschiedenen Ebenen möglichst großen gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen? Meistens kümmern sich Auftraggeber von Bauprojekten um diese Aspekte. Gemeinsam mit dem European Center for Sustainability Research (ECS) der Zeppelin Universität Friedrichshafen möchte nun aber auch HOCHTIEF mehr zu diesen Fragen herausfinden. ECS-Direktor Prof. Manfred Moldaschl erläutert im Gespräch mit concepts-Chefredakteur Torsten Meise, was hinter dem Projekt steckt.

concepts Herr Prof. Moldaschl, Sie begleiten derzeit bei HOCHTIEF ein Forschungsprojekt zur Bewertung von Auswirkungen im Bauprozess. Worum geht es dabei?

Prof. Manfred Moldaschl Es geht um die viel beschworene Nachhaltigkeit. Dazu muss ich jedoch vorausschicken: Für mich ist Nachhaltigkeit“ nicht einfach das „Umweltthema“. Unser European Center for Sustainability Research ist ein wenig aus Unzufriedenheit mit der Dominanz der, wie wir es nennen, „grünen Nachhaltigkeit“ entstanden. Nachhaltigkeit ist für uns vielmehr ein grundsätzlich soziales und kulturelles Thema. Wer einen Baum fällt, sägt dem einen seinen Schatten ab, dem anderen seinen Erholungsraum, dem Dritten seine Stadtästhetik.

concepts Das heißt, Sie erforschen eher die sozialen Auswirkungen von Projekten?

Moldaschl Nein, wir beschäftigen uns schon mit allen Aspekten der Nachhaltigkeit. Unseren Ansatz nennen wir „polychrom“, also vielfarbig. Die ökonomischen Aspekte sind die „schwarze Nachhaltigkeit“, „rote Nachhaltigkeit“ bezeichnet die sozialen Bedingungen. Die Brundtland-Kommission hat schon 1987 den Vorschlag gemacht, für die Untersuchung von Nachhaltigkeit ökonomische, soziale und ökologische Auswirkungen zu unterscheiden. Das ist wichtig, um diese Aspekte in Hinblick auf die gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit in Wert zu setzen. Wir versuchen in unserer Arbeit, verschiedene Teilbereiche zu erfassen, gesellschaftliche Kosten- und Nutzenarten eines Projekts einander gesamthaft gegenüberzustellen. Wenn Sie so wollen: Wir versuchen zu bilanzieren, was sich nicht leicht auf eines reimt.

concepts Das klingt ein wenig abstrakt, haben Sie ein Beispiel dafür?

Moldaschl Wir waren gemeinsam mit dem MIT, Harvard und anderen Hochschulen an einem großen internationalen Forschungsprojekt zur naturnahen Regenwasserbewirtschaftung in Metropolregionen beteiligt. Die früheren ingenieurwissenschaftlichen Lösungen zielten darauf, Wasserläufe zu kontrollieren und aus dem städtischen Raum auszusperren. Heute kennen wir die Nebenfolgen: Hochwasser bei Starkregen und einen Mangel an Stadtgrün, worunter die Luftqualität und die Biodiversität leiden. Singapur hat stattdessen zum Beispiel wieder offene, renaturierte Wasserflächen geschaffen.

concepts Und Sie haben die Folgen untersucht? 

Moldaschl Genau, wir haben das mit unserem polychromen Ansatz untersucht. Wir haben zum Beispiel ermittelt, ob und wie diese neuen Wasser- und Grünflächen die Stadtschluchten belebt haben, ob diese Areale jetzt kühler sind oder einladender für die Anwohner, dort gemeinsam mehr Zeit zu verbringen als an vergleichbaren Stellen in Singapur. Ferner, wie sich das auf den Wert der Anrainergrundstücke ausgewirkt hat, der ist übrigens deutlich gestiegen. 

concepts Sollten sich also Wasserbauingenieure mit Biodiversität auseinandersetzen?

Moldaschl Ja, weil die von ihnen entwickelten Lösungen großen Einfluss auf die Qualität des Lebens nicht nur der Menschen in der Stadt haben. Und weil dies einen spürbaren Einfluss auf das Erleben sowie die Attraktivität von Stadt hat – bei Bewohnern, Besuchern, Touristen, eben Nutzern aller Art.

concepts Ist das auch ein Ziel des HOCHTIEF-Forschungsprojekts?

Moldaschl Gerade im Bereich der öffentlichen Infrastruktur kann es nicht nur um Technik und Wirtschaftlichkeit gehen. Gesundheit, Sozialkapital, Lebens- und Umweltqualität können hier nicht außen vor bleiben. Da gibt es viel zu tun. Unserer Wahrnehmung nach entwickelt sich HOCHTIEF in diese Richtung, und wir wollen das gern unterstützen. Etwa indem wir in verschiedenen Städten, Regionen und Kontinenten „Good Practices“ im Bauprozess erkunden, an denen sich andere im Unternehmen orientieren können. Das ist nicht so einfach, denn HOCHTIEF hat keine standardisierten Produkte. Jedes Projekt hat seinen eigenen Kontext, kulturell, politisch, geografisch. Aber wir möchten trotzdem herausfinden: Wie kann es gelingen, zu einer transparenten, aufwandsangemessenen, übertragbaren Bewertung von Bauprojekten zu kommen, ohne das Rad ständig neu zu erfinden? Oder ohne andererseits Standards vorzugeben, die sich im konkreten Kontext kaum bewähren können? Das finden wir spannend.

concepts Es gibt kaum noch ein Infrastrukturprojekt, ohne dass sich Widerstand regt. Woran liegt das? Könnte der von Ihnen angestrebte Ansatz bei Akzeptanzfragen hilfreich sein? 

Moldaschl Wenn ich ernst nehme, was ich gerade gesagt habe, dass bei komplexen Bauvorhaben immer „kontextspezifische“, also lokale und regionale Gegebenheiten zu berücksichtigen sind, dann verbietet sich hier eine pauschalisierende Antwort. Ich kann da nur gesellschaftstheoretisch argumentieren. Wir leben in einer von der Industrie geprägten Gesellschaft, mit dichter Besiedlung und enormem Flächenverbrauch für Mobilität und die Ansprüche einer modernen Gesellschaft, etwa Wohnen, Sport und Kultur allgemein. Jede Handlung berührt die Interessen anderer. Wir leben ferner in einer Wissensgesellschaft mit einem wachsenden Anteil von Menschen, die über ausreichend Bildung verfügen sowie über den Willen, sich nicht einfach Expertenurteilen zu beugen. Und wir leben in einer Zivilgesellschaft mit dem Anspruch, nicht alles durch den Staat oder den Markt regeln zu lassen. Trotz vieler Klagen über „verfallendes Sozialkapital“, etwa Mitgliedschaften in Kirchen oder Vereinen, formieren sich in modernen westlichen Wohlstandsgesellschaften zunehmend zivilgesellschaftliche Organisationen, die den Sprachlosen, zum Beispiel Vögeln oder Insekten, oder den ökonomisch weniger Potenten eine Stimme geben. Sie können als Stakeholder nicht einfach übergangen werden.

concepts Das ist also Ausdruck einer modernen, komplexen Gesellschaft?

Moldaschl Genau. Einer Gesellschaft, die sich nicht einfach etwas verkaufen lässt. Zivilgesellschaften sind plural. Sie funktionieren nicht nur nach einem Prinzip, einer Logik. Nehmen Sie das Projekt Stuttgart 21. Dass da der Stadtpark abgeholzt wird, das war für die Leute jenseits ihres Verständnisses. Das hat die Bürger enorm mobilisiert. In einer Wissens- und Zivilgesellschaft können sie dann eigene Gutachten in Auftrag geben, und zwar von Wissenschaftlern, die andere Dinge im Fokus haben als die Bauherren.

concepts Wie würden Sie an solch ein Projekt herangehen?

Moldaschl Eines der unter diesen Bedingungen üblich gewordenen Verfahren ist die frühzeitige Einbeziehung aller Stakeholder, von Beteiligungsverfahren bis hin zu Volks- oder Bürgerbefragungen. Dieses Prinzip ist bei HOCHTIEF nach unserer Einschätzung bereits sehr entwickelt. Auch bei unserer Begleitforschung geht es um die Frage: Wer wird wann und wie beteiligt? Und wir holen für unsere Forschung auch bei den Beteiligten eines Projekts ihr Einverständnis ein, weil das ja auch Zeit kostet. Wir wollen nicht über irgendwelche Köpfe hinwegforschen.

⇨ PROF. DR. DR. MANFRED MOLDASCHL Dem „Prinzip der eisernen Disziplinlosigkeit“ sei er verpflichtet, sagt Prof. Manfred Moldaschl über sich selbst und die von ihm vertretenen Disziplinen. Der Leiter des Instituts für Sozioökonomik an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Direktor des dortigen European Center for Sustainability Research (ECS) beschäftigt sich mit zahlreichen Forschungsschwerpunkten. Der begeisterte Bergsteiger bewegt sich dabei im Schnittfeld von Soziologie, Ökonomie, BWL und Psychologie und forscht zu Modernisierung, Innovation, Nachhaltigkeit, Unternehmensstrategie, Arbeit und vielem mehr.